75. Jahrestagung – Fleiß und Faulheit

75. Jahrestagung – Fleiß und Faulheit

21. – 23. September 2018
Würzburg

Untenstehend finden Sie das Programm und die Referenten*innen der diesjährigen Tagung.

Die allgemeinen Informationen zum Tagungsort und den Kosten finden Sie hier.

Den Flyer zum Download als PDF (800 Kbyte) finden sie hier.

Einst galt die Trägheit des Herzens als Untugend. An ihre Stelle ist das getreten, was wir heute Faulheit nennen: mangelnde Bereitschaft zur Arbeit, insbesondere zur bezahlten Arbeit. Der Faule trägt nichts bei. Er lebt auf Kosten anderer. Er muss gefordert werden.
Hingegen hat der Fleiß der Vielen zu dem in historischer Sicht luxuriösen Leben geführt, das heute ein Teil der Weltbevölkerung führen darf. Wenn Arbeit Freude macht, ist Fleiß keine Last. Das wissen nicht nur Hobbygärtner. Wer Kinder großzieht, Angehörige pflegt oder seinen Lebensunterhalt verdient, weiß aber auch: Vieles bereitet keine Freude und muss doch getan werden. Wir brauchen das Ethos des Fleißes, die Würdigung der Fleißigen.

Aber: Arbeiten wir noch für ein gutes Leben oder treibt uns der furiose Tanz um das Immer Mehr in die gesellschaftliche Erschöpfung? Wird nicht selbst die Freizeit immer fordernder und hektischer? Wie stellen sich moderne Aktivierungsforderungen aus der Sicht von Kindern, Jugendlichen, Berufstätigen oder Rentnern dar? Brauchen wir heute nicht eher mehr Muße, mehr Pausen, mehr Besinnung als mehr Fleiß? Was bedeutet verantwortungsvolle Mitarbeiterführung vor diesem Hintergrund? Ist Freude an der Lohnarbeit nur eine Führungslegende, um mehr aus Mitarbeitern herauszuholen? Oder reibt uns schon die Freizeit so sehr auf, dass wir den Forderungen der Arbeitswelt kaum mehr gewachsen sind? So betrachtet braucht es vielleicht doch mehr Fleiß, oder besser: eine andere Art von Fleiß.

Wo liegt die „gute Mitte“ zwischen Arbeitseifer und Muße? Und: kann diese Mitte das Ziel sein? Wollen wir auf die genial Rastlosen verzichten? Wäre die Welt besser ohne die entspannte Muße derer, die früher als Lebenskünstler bezeichnet wurden? Und wie sieht es außerhalb des üblichen Alltagswirbels aus? Was bedeutet Fleiß für Menschen am Rande der Gesellschaft, etwa für Wohnungslose? Wie ordnen Psychoanalytiker eine ganz andere Art der Arbeit ein: die Traumarbeit?

Darüber wollen wir diskutieren: konstruktiv, interdisziplinär und offen für neue Sichtweisen.

Siegfried Kreibe, Vorsitzender der Interdisziplinären Studiengesellschaft

Programm

Freitag, 21.9.2018

14:00 Tagungseröffnung

14:30 Fleiß und Faulheit – Begriffswandel in der Tugendlehre
PD Dr. phil. habil., Dr. theol. Michael Rasche, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

15:45 Kaffeepause

16:15 Der Getriebenheit widerstehen: Plädoyer für eine Kultur der Pause
Till Bastian, Mediziner, Psychotherapeut und Schriftsteller

17:30 Ende der Sitzung
anschließend Mitgliederversammlung

Samstag, 22.9.2018

9:30 Kindheit ohne Muße? – Von rechtem Maß und rechtem Ziel in der Erziehung
Dr. Marianne Soff, Psychologin, Pädagogische Hochschule Karlsruhe

10:45 Kaffeepause

11:00 Generation Z – Einstellungen zur Arbeit und die Herausforderungen für das Management
Prof. Dr. Antje-Britta Mörstedt, Private Hochschule Göttingen

12:15 Mittagspause

14:00 Globalisierung, Veränderungsdruck und Wertewandel bei Fachkräften – Führungsmodelle im Wandel
Dipl.- Ing. Georg Schwalme, Bereichsleiter Forschung und Bildung, SKZ, Würzburg

15:15 Kaffeepause

15:30 In 100 Jahren entflammt und ausgebrannt – Arbeitslust und Arbeitslast in Deutschland
Dr. Sabine Donauer, Historikerin

16:45 Zwischen nicht wollen, nicht können, nicht dürfen und dem Stress der Alltagsbewältigung: der Fleiß des Obdachlosen
Kai Hauprich, Sozialarbeiter, Hochschule Düsseldorf

18:00 Ende der Sitzung
anschließend ab 19:00 Uhr Gesellschaftsabend

Sonntag, 23.9.2018

10:00 Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf oder: Das Unbewusste kennt keine Muße. Traumarbeit und
Arbeit am Traum
Prof. Dr. Helmwart Hierdeis, Psychoanalytiker

11:30 Der wohlverdiente (Un-)Ruhestand: Zwischen Aktivierungsforderung und Muße
Dr. Tina Denninger, Soziologin, Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft gGmbH (IMEW), Berlin

13:00 Ende der Tagung

Referentinnen und Referenten

Till Bastian

Medizinstudium in Mainz. Bis 1982 praktischer Arzt, dann Geschäftsführer der „Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges“ (Friedensnobelpreis 1985). Nach 1986 Schriftsteller und Journalist. Zahlreiche Veröffentlichungen: „Auschwitz und die Auschwitz-Lüge“ (C. H. Beck, München), „Seelenleben. Eine  Bedienungsanleitung für unsere Psyche“ (psychosozial-Verlag, Gießen) sowie „Wie wird wurden, was wir werden. Die Evolution des Seelenlebens“ (ebenda). Bastian arbeitet als Arzt an der Fachklinik
Wollmarshöhe.

Dr. Tina Denninger

Dr. Tina Denninger absolvierte zunächst eine Ausbildung als Buchhändlerin und studierte dann Soziologie in München und Berlin. Sie beschäftigte sich in zahlreichen Projekten mit dem Thema Alter. Inzwischen arbeitet sie an einem Forschungsinstitut zum Thema Menschen mit Behinderungen. Sie hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

Dr. Sabine Donauer

Dr. Sabine Donauer studierte Geschichte an den Universitäten Augsburg, Leiden, Paris-Sorbonne und Oxford. Sie absolvierte zudem ein Masterprogramm im Fach Higher Education der Harvard University. Im Jahr 2013 schloss sie ihre mehrfach preisgekrönte Promotion »Emotions at Work – Working on Emotions. On the Production of Economic Selves in Twentieth-Century Germany« am Max-Planck- Institut für Bildungsforschung ab. Sie ist heute im Wissenschaftsmanagement für die Max-Planck- Gesellschaft  tätig.

Kai Hauprich

Kai Hauprich (M.A. Sozialarbeit) hat an der Hochschule Düsseldorf und der Universität Duisburg-Essen Soziale Arbeit studiert. Derzeit arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsschwerpunkt Wohlfahrtsverbände der Hochschule Düsseldorf und ist dort in der Armutsforschung tätig. Er promoviert zur Handy und Internetnutzung durch wohnungslosen Menschen.

Dr. phil. Helmwart Hierdeis

Dr. phil. Helmwart Hierdeis, Psychoanalytiker, Professor für Erziehungswissenschaften an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Innsbruck, Gründungsdekan der Fakultät für Bildungswissenschaften Brixen der Freien Universität Bozen. Aktuelle Publikationen: Hrsg.:
„Wie hältst du’s mit dem Tod?“ – Erfahrungen und Reflexionen in der Psychoanalyse (2014); Hrsg.: Austauschprozesse. Psychoanalyse und andere Humanwissenschaften (2016); Psychoanalytische Pädagogik. Psychoanalyse in der Pädagogik (2016); Traum und Traumverständnis in der Psychoanalyse (2018).

Prof. Dr. Antje-Britta Mörstedt

Prof. Dr. Antje-Britta Mörstedt, Vizepräsidentin Fernstudium und Digitalisierung an der PFH Private Hochschule Göttingen. Nach Abschluss Ihres Hochschulstudiums in Göttingen und Beratertätigkeit im Bereich der Prozessberatung hat sie ihre Promotion „Total Dynamic
Organization auf Basis der Chaosforschung“ abgeschlossen. Bevor sie an der PFH Private Hochschule Göttingen Vizekanzlerin wurde, was sie Leiterin der Contentfactory für die unicmind.com AG. Seit 2005 leitet sie das Fernstudium Ökonomie mit 1.500 Fernstudierenden und seit 2015 ist sie Vizepräsidentin für Fernstudium und Digitalisierung. Seit ihrer Berufung zur Professorin für Blended Learning und Organisation im Jahr 2009 beschäftigt sie sich mit Themen aus dem Generationenmanagement und der Digitalisierung von Studieninhalten.

PD Dr. phil. habil. Dr. theol. Michael Rasche

PD Dr. phil. habil. Dr. theol. Michael Rasche, 2015-2016 Professor für Philosophische Grundfragen der Theologie, KU Eichstätt-Ingolstadt; seit 2016 Privatdozent für Philosophie, KU Eichstätt-Ingolstadt; seit 2017 Unternehmens- und Organisationsberater. Forschungsschwerpunkte: Sprachphilosophie, Kommunikation, Phänomenologie, Hermeneutik, Dekonstruktion, antike Philosophie.

Georg Schwalme

Georg Schwalme, Diplom-Ingenieur arbeitete nach seinem Studium der Elektrotechnik zunächst als Entwickler und dann als Gruppenleiter und Abteilungsleiter in der Entwicklungsabteilung der AEG Hausgeräte AG. Auf seine spätere Verantwortung als Werkleiter einer Staubsaugerfabrik folgte die Übernahme internationaler Verantwortung für Fabriken in Ungarn und in Schweden. Nach seinem Wechsel zur Bosch und Siemens
Hausgeräte GmbH (BSH) hatte er die Verantwortung für drei Standorte in Deutschland, Spanien und Asien mit insgesamt rund 1000 Beschäftigten. Seit 2008 ist Georg Schwalme in der Forschung und Entwicklung des SKZ tätig. Er leitet den Bereich Spritzgießen und Additive Fertigung mit Forschung, Entwicklung und Weiterbildung.

Dr. phil. Marianne Soff

Dr. phil. Marianne Soff, Diplom-Psychologin und approbierte Psychologische Psychotherapeutin, Ausbildung in Gestalttheoretischer Psychotherapie und Tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie. Seit 1998 Lehrtätigkeit als Akademische Oberrätin im Institut für Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe.