Archiv für den Monat: Juli 2010

Wege aus der Erziehungskatastrophe? Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz

Samstag, den 28. September 2002, 11:00 Uhr

Abstract von Sigrid Tschöpe-Scheffler

Je weniger normative Richtlinien es für Erziehungsziele und -inhalte in unserer Gesellschaft gibt und je mehr tradierte Werte relativiert werden oder an Gültigkeit verlieren, desto stärker ist der einzelne auf sich und seine Kompetenzen, aber auch auf seine Defizite verwiesen. Folglich macht sich eine zunehmende Unsicherheit bei Eltern aller Milieus breit, die bewirkt, dass einige entweder unentschlossen oder rigide handeln, andere sich dem Erziehungsauftrag völlig verweigern.

Trotz der allgemein beklagten Unfähigkeit und Überforderung vieler Eltern in Erziehungsfragen ist davon auszugehen, dass die meisten Eltern ihre Kinder lieben und das Beste für deren Wohlergehen wünschen. Viele Eltern erkennen durchaus eigene Erziehungsschwächen und sind auf der Suche nach Hilfen und Unterstützungen, die sie nicht zuletzt auch in den unzähligen Erziehungsratgebern suchen, durch Beratung oder durch den Besuch eines Elternkurses erhoffen.

Je höher der Druck der Eltern, je größer die Problemsituation, desto eher ist die Tendenz bei Eltern erkennbar, nach schnellen linearen Lösungen zu suchen, die einem Ursache-Wirkungszusammenhang entsprechen. Menschlichen Begegnungen ist aber immer auch das Unverfügbare, Unmethodisierbare, nicht Planbare immanent. Phänomene also, wie z. B. die Liebe zum Kind, die nicht mechanistisch handhabbar und didaktisch sauber organisierbar sind.

Im ersten Teil des Vortrags soll gefragt werden, was entwicklungsfördernde und entwicklungshemmende Faktoren in der Erziehung sein könnten und wie diese mit der Haltung und Rollenübernahme der Eltern und ihrer Selbstreflexion und Selbsterziehung zusammenhängen?

Im zweiten Teil werden Konzepte aus der Arbeit mit Eltern vorgestellt.

Unterstützungsangebote können insbesondere dann als erfolgreich angesehen werden, wenn sie es vermögen, Eltern zu ermutigen in einen selbstreflexiven Prozess zu treten, sich mit anderen Eltern über ihre eigenen Alltags- und Erziehungskonzepte auszutauschen und durch ein Angebot an erweiterten Handlungsspielräumen offen zu werden für neue, entwicklungsfördernde Einstellungen und Verhaltensweisen.

Ein wesentliches Qualitätskriterium scheint u.a. zu sein, ob das Konzept angstfreie Räume und Möglichkeiten zur Selbstreflexion und Selbsterkenntnis bietet. Als ein Beispiel für eine gelungene Prävention soll u.a. das Elternkursprojekt des Deutschen Kinderschutzbundes „Starke Eltern – starke Kinder“ vorgestellt werden. Mit einem Forschungsdesign, das entwicklungsfördernde und entwicklungshemmende Verhaltensweisen und Einstellungen von 200 Eltern vor und nach Besuch des Kurses untersucht hat, wurde unter meiner Leitung an der Fachhochschule Köln die Wirkung des Elternkurses „Starke Eltern – starke Kinder“ in einem einjährigen Forschungsprojekt evaluiert. Im Rahmen des Vortrages wird auf das Kurskonzept, das Forschungsdesign und die Ergebnisse der Evaluation eingegangen.

Neurogene und psychogene Lernstörungen

Samstag, den 28. September 2002

Dr. med. Reinhard Schydlo

Neurogene, hirnorganisch bedingte, und psychogene, seelisch bedingte Lernstörungen bei Kindern werden häufig zu spät erkannt. Viele Lehrer klagen darüber, dass sie bis heute noch zu wenig über diese Lernstörungen im Rahmen ihrer pädagogischen Ausbildung erfahren. Oft werden diese Störungen als Faulheit mißgedeutet, bis sekundär psychische oder psychosomatische Reaktionen der Kinder so zunehmen, dass Lehrer oder Eltern eine Vorstellung beim Facharzt verlangen.

Neurogene Lernstörungen können nicht nur im Rahmen einer allgemeinen intellektuellen Beeinträchtigung und damit einer schulischen Überforderung auftreten, sondern auch bei Teilleistungsschwächen, die mit durchschnittlicher oder manchmal sogar überdurchschnittlicher Intelligenz einhergehen, wie z.B. Lese- und Rechtschreibstörungen oder eine isolierte Rechenstörung. Auch auf

Aufmerksamkeitsstörungen mit und ohne Hyperaktivität soll besonders eingegangen werden.

Psychogene Lernstörungen können durch zu starken psychischen Druck entstehen, oder seelische Konflikte können eine sog. neurotische Lernhemmung verursachen. Schließlich sollen die unterschiedlichen Ursachen von Schulverweigerung bei Schulangst, Schulphobie und bei Schulschwänzen erläutert werden.

Neben eindrucksvollen Fallbeispielen werden die diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen bei neurogenen und psychogenen Lernstörungen dargestellt. Weiter soll über Verbesserung der Früherkennung und weitere schulische und außerschulische Hilfen für diese Kinder diskutiert werden.

Wirtschaftliche Allgemeinbildung in den Schulen

Samstag, den 28. September 2002

Zur Situation der wirtschaftlichen Allgemeinbildung in den Schulen:

  • Ein nach einheitlichen Gesichtspunkten konzipiertes Fach bzw. Fächersystem oder Lernfeld „Wirtschaft“ gibt es in Deutschland nicht.
  • Die Lehrplanangebote variieren in den Bundesländern nach fachlicher Zuordnung, Bezeichnung und Inhalt sowie Schulform, Schulstufe und Verpflichtungsgrad.
  • Verallgemeinerbare empirische Erkenntnisse über die Unterrichtspraxis liegen nicht vor. Bekannt ist, dass teilweise fachfremd unterrichtet wird.
  • In der Wirtschaftslehrerausbildung spielen drei Bezugswissenschaften mit jeweils spezifischem Paradigma eine Rolle: Betriebs-, Haus- und Volkswirtschaftslehre.

Warum wirtschaftliche Allgemeinbildung in den Schulen?

  • Wirtschaft ist ein zentraler Bereich in modernen Gesellschaften.
  • Auch die Lebensbereiche, die nicht generell zur Wirtschaft gezählt werden, haben zumindest eine wirtschaftliche Dimension, z.B. Familie, Kultur, Politik.
  • Im Übergang von der Moderne zur Postmoderne nehmen die Anforderungen an wirtschaftliche Kompetenzen zu.
  • Bei Erwachsenen und jungen Menschen sind erhebliche Defizite im Wirtschaftswissen nachgewiesen worden.
  • Mangel an wirtschaftlichen Kompetenzen sind ein Grund für Überschuldungs- und Verarmungsprozesse.
  • Maßgebliche gesellschaftliche Kräfte fordern mehr wirtschaftliche Bildung in den Schulen.
  • Ein Grundkonzept der wirtschaftlichen Allgemeinbildung in den Schulen:
  • Wirtschaftliche Allgemeinbildung wird im Sinne des aufbauenden Lernens von der ersten bis zur letzten Klasse in jeder Schulform angeboten.
  • Vermittelt wird Instrumentalwissen auf der Grundlage von Orientierungswissen.
  • Dazu gehört auch die Vermittlung der Schnittstellungen und Vernetzungen mit anderen gesellschaftlichen und nicht gesellschaftlichen Teilsystemen, z.B. Technik und Natur.
  • Didaktische Leitideen sind: Lebensnähe, Handlungsorientierung und Selbstorganisation.
  • Inhaltliche Leitideen sind: Entdichotomisierung, Entbanalisierung, Entmystifizierung und Entberuflichung.
  • Behandelt werden die Evolution und die Funktionen der ökonomischen Basisinstitutionen: Privathaushalte, Unternehmen, Assoziationen und Gebietskörperschaften sowie solche von Misch- und Übergangsformen.
  • Betrachtet werden alle Gruppen von Gütern: personale, private, kollektive und öffentliche Güter.
  • Einbezogen werden verschiedene Arten von Entscheidungssystemen für die Güterversorgung, wie Liebe und Solidarität, Markttausch, politische Wahl, Verhandlung, Drohung.

Das Motto lautet: „Wir gestalten die Wirtschaft“.

Prof. Dr. Michael-Burkhard Piorkowsky

Forderungen an eine Schule von morgen. Die Stimme der Praxis

Samstag, den 28. September 2002, 16:15 Uhr

Abstract von Ernst von Borries

In meinem Vortrag werde ich in bewusst pointierter Weise Gründe für das Versagen des bundesdeutschen Schulsystems aus der Sicht des Praktikers vorstellen und daraus Forderungen an eine Reform ableiten.

Ursachen der Misere:

  • Das deutsche Gymnasium – ein 200 Jahre altes Kind Kind des deutschen Idealismus – ist geprägt von fast vollständiger Ignoranz gegenüber den Erfordernissen des Lebens, vor allem des Arbeitsmarktes.
  • Der Ausfall der Familie als kulturelle Keimzelle bzw. ihre Ersetzung durch die moderne Medienwelt führt zu extremer Sprachverarmung der Kinder.
  • Die Schule ist in erster Linie in der Buchkultur verankert, einer Kultur, die mit der Lebenswelt unserer Kinder kaum mehr etwas zu tun hat.
  • Die mangelnde Wertschätzung der Schule in der Gesellschaft – deutlich erkennbar an Unterfinanzierung, personeller Unterbesetzung und sozialer Verachtung – fällt auf die Qualität der schulischen Arbeit zurück.

Forderungen an eine Schule von morgen:

  • Vermittlung anwendbarer Lerninhalte, die auch mit der Lebenswelt der Schüler korrespondieren.
  • Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten anstatt der kritischen Bewusstseinsbildung als primäres Bildungsziel.
  • Konsequente Heranführung zu Lektüre jeder Art ab der Grundschule, nötigenfalls auch mit massivem Druck.
  • Einführung von Schulgeldern für alle weiterführenden Schulen – mit der Option der Schulgeldbefreiung durch Leistung.
  • Einführung des Bildungsgutscheins – auch zur Qualitätssicherung durch freie Schulwahl
  • Stärkung des Selbstbewusstseins und der Autorität von Lehrern durch Qualitätsbewusstsein.
  • Aufbau berufspraktischer Spezialkurse (an den allgemeinbildenden weiterführenden Schulen), in denen Teile des Unterrichtsstoffs Anwendung finden, mit eigenem Zertifikatswesen.

Bio- und gentechnische „Manipulationen“

Prof. Dr. rer.pol. Therese Neuer-Miebach

Die moderne Biotechnologie eröffnet bisher nicht gekannte Möglichkeiten der Erkenntnis und Gestaltung. Die Veränderung der biologischen Struktur von Lebewesen und die Steuerung ihrer Entwicklung sind die ehrgeizigen Forschungsziele. Die wissenschaftliche Nutzung lebender Substanzen wird gerechtfertigt mit der Inaussichtstellung der Heilung schwerer Krankheiten und der Verhinderung von Leiden.

Was ist die Folge: Der perfekte Mensch oder der Homunculus?

An aktuellen Beispielen der Embryonenforschung und des Klonens werden die ethischen und gesellschaftlichen Implikationen und Konsequenzen dieser Entwicklungen diskutiert und die Reflexion angeregt über gesellschaftspolitische Orientierungspunkte einer lebenswerten Zivilgesellschaft.

Attac – Widerstand gegen gesellschaftliche Manipulation

Lic.Theol. Peter Schönhöffer M.A.

ATTAC versteht sich als unübersehbares Stoppzeichen. Der bereits klassisch gewordenen Definition nach handelt es sich um eine Bildungsbewegung gegen gesellschaftspolitsiche Manipulation und Medienmacht mit Aktionscharakter. So soll der notwendige Druck auf Politik und Wirtschaft zur Umsetzung von Alternativen erzeugt werden: Eine andere Welt ist möglich. Dabei ist nach innen „arglos wie die Tauben“ nach außen indes „listig wie die Schlangen“ vorzugehen.

Von Manipulation zu sprechen ruft heutzutage Argwohn hervor. In merkwürdiger Gegenläufigkeit zu diesem Faktum bestimmt sie de facto aber das gesellschaftliche Leben. Marketing-Ichs und gesamtgesellchaftliche Befindlichkeiten werden offenbar mit Leichtigkeit herangezüchtet. Dies wird diskursanalytisch in den Themenfeldern Hypermedienzeitalter, Postmoderne und Neokapitalismus als Wirtschaftsweise und Lebensform nachgezeichnet.

Demgegenüber lautet der Grundkonsens von ATTAC: Die gegenwärtige Form der Globalisierung, die neoliberal dominiert und primär an den Gewinninteressen der Vermögenden und Konzerne orientiert ist, wird strikt abgelehnt: Die Welt ist keine Ware! ATTAC wirft die Frage nach wirtschaftliche Macht und gerechter Verteilung wieder auf und setzt sich dabei für die Globalisierung von sozialer Gerechtigkeit, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechten, für Demokratie und umweltgerechtes Handeln ein: Es ist genug für alle da! In diesem Korridor emanzipatorischen Politik-verständnisses haben unterschiedliche Vorstellungen über Wege und Instrumente wie dieser Konsens in praktische Politik umgesetzt werden kann, Platz.

Die globale neoliberale Politik schlägt inzwischen endgültig auch auf Deutschland durch. Hier heißt sie Agenda 2010. Vorangetrieben wird sie von einer Allianz aus Arbeitgeberverbänden, Kapitalbesitzern, Bundesregierung, FDP und CDU/CSU. Was dort gewollt ist, kann man ohne Übertreibung eine anti-soziale Kulturrevolution nennen. Dabei geht es zentral darum, die Lasten der globalen Standortkonkurrenz auf die Beschäftigten, auf Erwerbslose und an den Rand gedrängte Menschen abzuwälzen. Gleichzeitig werden bei großen Unternehmen und Begüterten immer mehr Einfluss und Reichtum konzentriert.

Der übelste Auswuchs der Agenda 2010 ist Hartz IV. Hier wird entwürdigt, enteignet und verunsichert. Millionen Menschen geraten in prekäre Verhältnisse oder an deren Rand. Sie werden auf diese Weise erpressbar gemacht für Arbeitszeitverlängerungen und die weitere Privatisierung sozialer Sicherung. Die ganze Gesellschaft soll für die kapitalistische Verwertungsmaschinerie zugerichtet werden.

Für ATTAC ist klar, dass in einer Epoche krass einseitiger Mondialisierungen ein globalisierungskritisches Projekt wie ATTAC nur als internationales Projekt Sinn macht. Dabei geht es darum, die Fehler früherer Konzeptionen von Internationalismus zu vermeiden. Eine Zentrale gibt es nicht. Insofern unterscheidet sich ATTAC von internationalen Verbandsstrukturen wie Greenpeace. Jede nationale ATTAC Organisation ist eigenständig und für sich selbst verantwortlich. Die Beziehungen der einzelnen nationalen ATTAC untereinander funktionieren netzwerkförmig.

In den 90er Jahren wurden vor allem professionelle NGOs als die Träger kritischer und oppositioneller Positionen gegenüber neoliberaler Globalisierung wahrgenommen. Seit Seattle zeichnet sich ab, dass sich Kritik und Alternativen nun auch in radikaleren und anspruchsvolleren Formem einer neuen sozialen Bewegung niederschlagen. ATTAC trägt selbst stark Züge einer Bewegung. Durch seine Zusammensetzung enthält es aber auch Strukturen – Gewerkschaften, Verbände. NGOs – die festere und auf dauerhafte Stabilität ausgelegte Organisationsstrukturen aufweisen. Ein wissenschaftlicher Beirat begleitet die Arbeit.

ATTAC setzt darauf, den Erosionsprozess von Demokratie zu stoppen, möglichst viele Menschen zu gewinnen und mit ihnen gemeinsam zu handeln. Dies reicht von kreativen Aktionen gegen die neue Welthandelsrunde der WTO oder solchen vor der Filiale eines in Steueroasengeschäfte verwickelten Konzerns bis hin zur Vertiefung und Orientierung des Protests rund um die „Montagsdemonstrationen“ der vergangenwen Wochen und Monate.

Neises: Besonderheiten der gynäkologisch-geburtshilflichen Behandlung türkischer Migrantinnen

65. Jahrestagung der Interdisziplinären Studiengesellschaft, ISG e.V.,
03. – 05.10.2008, Bonn – ‚Toleranz – Begegnung der Kulturen’

Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. Mechthild Neises
Medizinische Hochschule Hannover
Funktionsbereich Psychosomatische Frauenheilkunde

Zur Betrachtung der Versorgungssituation gynäkologisch und geburtshilflich erkrankter türkischer Patientinnen ist ein genaueres Wissen zum Migrationshintergrund und zur Akulturation dieser Frauen erforderlich. Einflussfaktoren auf die Gesundheit allgemein sind z. B. die soziale Ungleichheit auch innerhalb einer Migrantinnengruppe neben den klassischen soziodemografischen Parametern wie Bildungsstand und Sozialstatus. Wichtige Aspekte sind außerdem der Grad der Integration in die deutsche Aufnahmegesellschaft, die Kenntnisse der deutschen Sprache und schließlich die individuelle Betrachtung. Da der fast 40 Jahre anhaltende Zuwanderungs- und Niederlassungsprozess in Deutschland zu individuell sehr unterschiedlich verlaufenen Biografien führt, sowohl aufgrund der Migrationsgründe, als auch aufgrund des Alters bei der Einreise oder die Aufenthaltsdauer in Deutschland.

Die ausländische Frau ist häufig einer Mehrfachbelastung ausgesetzt durch Berufstätigkeit, Haushalt und Kindererziehung. Nicht selten leben die Familien in schlechteren Wohngegenden, sind stärker von Arbeitslosigkeit bedroht, und bei Abschiebung droht das Auseinanderreißen der Familie, oder sie kann durch Nachzugsperre erst gar nicht zusammenfinden. Eine Situation, die krank machen kann. Hinsichtlich des Krankheitsspektrums bahnt sich ein Wandel an. Während in der ersten Generation mehr psychische Krankheitsbilder berichtet wurden wie Entwurzelungs-, Depression und Heimwehreaktionen, zeigen sich jetzt stärker psychosomatische Krankheitsbilder wie chronische Unterleibsschmerzen, allgemeine Schmerzsyndrome und Schwangerschaftsbeschwerden. Einer besonderen Belastungssituation sind die jugendlichen Mädchen ausgesetzt, da sie häufig zwischen zwei Kulturen stehen. Viele sind bereits hier geboren und sind in ihrem Alltag den Normen zweier Kulturen ausgesetzt. Oft erfahren sie im Elternhaus eine intensive Hinwendung zu islamischen Werten, was zu einer einschränkenden Erziehung führt. In dieser Konfliktsituation kommt es bei Jugendlichen häufig zu depressiven Reaktionen. Zu beachten ist auch das kontrazeptive Verhalten, da oft die Pille oder Spirale grundsätzlich abgelehnt werden. Gleichzeitig lässt sich ein allgemeiner Informationsmangel feststellen, über die Funktion der Genitalorgane und der Sexualität, so dass auch die Frage einer regelmäßigen Kontrazeption von untergeordneter Bedeutung ist. Im Rahmen der Schwangerschaft und Geburt bei oft höherer Kinderzahl der Ausländerinnen sind gesundheitliche Probleme häufig zu beobachten. Die Nutzung der Schwangerenüberwachung ist bei Migrantinnen nicht so ausgeprägt wie bei den deutschen Frauen. So werden Basisuntersuchungen nicht selten unvollständig durchgeführt und diagnostische Zusatzmaßnahmen seltener veranlasst. Psychosomatische Erkrankungen in der Schwangerschaft, wie z. B. unklare Schmerzzustände, werden häufiger beobachtet. Unter Beachtung von Perinataldaten scheint die Charakterisierung, dass der Migrationshintergrund ein Risikofaktor ist, immer noch zuzutreffen. Dies zeigt sich besonders an dem schlechteren kindlichen Zustand unmittelbar nach der Geburt. Hinweise auf Unterschiede in der Versorgungsqualität geben die unterschiedlichen Raten von geplanten Kaiserschnitten sowie die niedrigere Rate von Periduralanästhesien zur Schmerzausschaltung unter der Geburt bei Migrantinnen. Ein Beispiel für weiterhin notwendig prophylaktische Maßnahmen ist die hohe Anämierate bei den Schwangeren mit Migrationshintergrund.

Die Verständigungsschwierigkeiten in der Arzt/Ärztin-Patientinnen-Beziehung sind ein wesentliches Merkmal für die Unzulänglichkeit in der Interaktion. Häufig bedeutet für Migrantinnen der Besuch des Arztes nicht nur ein Schritt in eine andere Kultur, sondern auch in eine andere soziale Schicht. Diese Schwellenangst ist in der Kontaktaufnahme häufig festzustellen. Ist allerdings eine Beziehung aufgebaut, finden in der Regel weniger Arztwechsel statt als bei deutschen Patientinnen. Hinderungsprobleme ergeben sich auch aus der kulturellen Bewertung von Krankheit, diese wird weniger einzelnen Organen zugeordnet, und darum werden einzelne Krankheitssymptome anders gewertet, was unsere Vorstellungen von Krankheit kontrastiert. In der Zuwendung zum Arzt werden auf der einen Seite fast magische Erwartungen deutlich, auf der anderen Seite führt eine religiös geprägte Einstellung auch dazu, dass Krankheit und Gesundheit als von Gott gegeben hingenommen werden. In der subjektiven Krankheitstheorie wird Körperliches und Seelisches weniger getrennt erlebt. Vor diesem Hintergrund spielt die körperliche Untersuchung eine große Rolle. Das Anfassen und Berühren ist dabei wichtiger, als eine abstrakte Erklärung mit Worten. So äußerte eine Patientin ihre Kritik an einem Arzt: „Er hat nicht angefasst, er hat es nicht richtig gemacht“. Bei dieser Einstellung ist die Vertrauensbildung in der Arzt-Patientin-Beziehung erst möglich über das Handeln. In ähnlicher Weise bilden sich Probleme beim Arzt/bei der Ärztin ab, verglichen mit anderen Patientinnen sind Kontakte kürzer, dabei wird die Dauer des Gesprächs vom Arzt bestimmt. Das Sprachproblem kann von Seiten des Arztes dazu führen, dass er selbst ein gebrochenes Deutsch benutzt, laut spricht und ein unangemessenes Du benutzt. Die Krankheitsvorstellung vor dem Hintergrund einer anderen Kultur bleibt vielen Ärzten fremd, was die Kommunikationsbarriere verstärkt. Gerade bei psychosomatischen Erkrankungen in der Frauenheilkunde, wo die Sprache das wichtigste diagnostische Instrument ist, kann es zur Flucht in technische Diagnostik führen, oder es wird ein Medikament nach dem anderen ausprobiert im Sinne einer Polypragmasie. Am Ende dieser Spirale kann die Flucht in die Krankschreibung stehen, oder auch die Bereitschaft, eine Patientin als Simulantin zu etikettieren.

Ansätze zur Verbesserung der frauenärztlichen Versorgung von türkischen Frauen liegen auf Seiten des Arztes im Erwerb von Basisinformationen über den soziokulturellen Hintergrund der Frau und ihrer Familie. Das System von Familie, mit dem die Frau zum Arztbesuch kommt, sollte angenommen werden, insbesondere die Ausgrenzung des Partners sollte vermieden werden. Der Arzt sollte sich informieren z. B. über das kontrazeptive Verhalten im Ursprungsland und die Einstellung der Frau und auch des Partners dazu. Die subjektive Krankheitstheorie der Patientin zu explorieren, ist generell wichtig und gilt besonders für Migrantinnen. Für die Behandlung sollten praktikable zweisprachige Übersetzungshilfen in Klinik und Praxis
zur Anwendung kommen. Diese liegt z. B. für Paare in türkischer Sprache vor, die eine Behandlung zur In-vitro-Fertilisation aufnehmen. Generell zu fordern wären ortsnahe medizinische und pädagogische Gesundheitsaufklärung für Frauen und Mädchen und stadtteilbezogene Arbeit von Beratungsstellen.

Professor Völkel zum 90. Geburtstag

Christel Böhme-Bloem

Vor mehr als 50 Jahren (1954) kam Prof. Dr. Henner Völkel nach Kiel. Schleswig-Holstein und seine Person sind seither im Bereich der Psychotherapie nicht mehr voneinander zu trennen.

Henner Völkel wurde als jüngstes von sechs Kindern am 23. Juli 1916 in Duisburg geboren; er durchlief in dieser Großfamilie seine soziale Prägung, einen „Grundkurs in sozialer Anpassung und Gruppenintegration“ wie er selbst schmunzelnd beschreibt. Schon früh entwickelte er eine auffallende sprachliche Kompetenz gepaart mit reicher Fantasie. So erinnert er sich, im Alter von sechs Jahren als fröhlich fabulierender Erzähler robustere Altersgenossen durch frei erfundene Geschichten als Freunde und Beschützer gewonnen zu haben.

Nach dem Abitur studierte er in Köln, Berlin, Düsseldorf und Bonn Medizin, unterbrach das Studium 1936 für ein halbes Jahr zur Ableistung des Arbeitsdienstes und legte 1940 – noch nicht 24-jährig – in Bonn das medizinische Staatsexamen ab. Im gleichen Jahr wurde er Soldat und kam nach einer Ausbildung zum Panzerschützen zur Sanitätstruppe. Im Herbst 1942 promovierte er während eines Fronturlaubs.

Vom Beginn des Russlandfeldzuges an war er als Truppenarzt eingesetzt und geriet 1943 in Stalingrad in Gefangenschaft. Seine autodidaktisch erworbenen Russischkenntnisse trugen entscheidend dazu bei, die schwierigen Bedingungen der Gefangenschaft wohlbehalten zu überleben. Schon während des Russlandfeldzuges entwickelte er eine große Liebe zu den russischen Menschen, ihrer Sprache und Kultur, sodass für ihn das Zusammensein mit russischen Kollegen stets eine besondere Freude darstellte, wie es z. B. möglich war bei der „First Baltic Sea Conference on Psychosomatics and Psychotherapy“ 1992 und auf späteren Reisen nach Moskau, Minsk, St. Petersburg und in den Kaukasus.

Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft 1948 arbeitete er bis 1950 als chirurgischer Assistent in Duisburg und begann seine Facharztweiterbildung zunächst in Bonn, dann ab 1952 an der Abteilung für psychische und Nervenkrankheiten der Medizinischen Akademie in Düsseldorf als Assistent bei G. E. Störring, mit dem er 1954 nach Kiel überwechselte.

Im Sommersemester 1956 hielt er erstmals eine psychotherapeutische Vorlesung, die zwar als „Einführung in die medizinische Psychologie“ angekündigt wurde, in Wirklichkeit aber eine Vorlesung über psychoanalytisch orientierte Psychotherapie war. Diese Vorlesung war fast über 30 Jahre ein „Publikumsmagnet“. Die Älteren unter den schleswig-holsteinischen Medizinern werden sich erinnern, dass man zur „Völkel-Vorlesung“ früh kommen musste, um wenigstens einen Stehplatz zu ergattern. Wegen ihrer mitreißenden Lebendigkeit und didaktischen Brillanz wurde die Vorlesung von der studentischen Selbstverwaltung in den siebziger und achtziger Jahren mehrfach mit der damals üblichen Auszeichnung „Goldapfel“ gewürdigt.

1958 habilitierte sich Henner Völkel mit einer Arbeit über die Psychopathologie der neurotischen Depression. Anfang der sechziger Jahre absolvierte er bei dem Hamburger Psychoanalytiker Prof. Scheunert eine Lehranalyse über fast 500 Stunden. Viermal pro Woche fuhr er dazu nach Hamburg und das zu einer Zeit, in der es weder eine Autobahn noch einen ICE gab. 1964 wurde er zum außerplanmäßigen Professor ernannt, im gleichen Jahr zum „Wissenschaftlichen Rat und Professor für medizinische Psychologie und Psychotherapie“. Bis zur Einrichtung einer eigenständigen Abteilung für medizinische Psychologie gehörte auch dieser Unterricht zu seinen Lehrverpflichtungen.

1967 wurde die Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik unter seiner Leitung eingerichtet. Die knappe Personalausstattung mit nur zwei Mitarbeitern ließ nur wenig Raum für wissenschaftliche Arbeit neben Lehrverpflichtungen, ambulanter und stationärer Krankenversorgung und Konsiliartätigkeit. Immerhin wurde ein eigenes stationäres Psychotherapiekonzept mit Indikationskriterien und einer klar definierten Nachbehandlung entwickelt.

In weiterer enger Verbindung zur Psychiatrie publizierte Henner Völkel mit G. E. Störring Arbeiten zur Psychopathologie der Psychosen. Sein besonderes Interesse galt der Integration herkömmlicher psychiatrischer Konzepte mit den Erkenntnissen der Tiefenpsychologie. Sein breit gefächertes Arbeits- und Forschungsgebiet umfasste so unterschiedliche Bereiche wie Suchtprobleme, psychosomatische Aspekte bei Störungen der Atmungsorgane und des Herz-Kreislaufsystems, Fragestellungen der Wahrnehmungspathologie, Probleme der Geschlechtsrollenfindung und psychodiagnostische Themen. 1982 habilitierte er Dr. Dr. Stephan Ahrens im Fach Psychosomatik.

Seine besondere Spezialität war die „heimliche“ Doktorvater- und Autorenschaft. Insider wissen, bei wie vielen Arbeiten und Vorträgen von Kollegen, nicht zuletzt von G. E. Störring, der das freimütig bekannte, ein „ghostwriter“ Völkel Pate stand.

Bereits 1961 organisierte er erste Fortbildungsseminare für Ärzte(innen), die als Basis in die psychotherapeutische Weiterbildung der Ärztekammer Schleswig-Holstein eingingen. Der berufsbegleitenden Fort- und Weiterbildung gilt sein Interesse seit einem halben Jahrhundert. Er war Mitbegründer und lange Zeit im Vorstand des Instituts für Psychotherapie und Psychosomatik der Akademie der Ärztekammer, ebenfalls war er 1972 Mitbegründer der Norddeutschen Psychotherapietage in Lübeck, bei denen er bis 1998 allmorgendlich eine fortlaufende Vorlesung abhielt, die einen wesentlichen Bestandteil dieser zweitgrößten Fortbildungsveranstaltung im deutschsprachigen Raum darstellte.

Henner Völkel war gleichfalls Gründungsmitglied des 1989 gegründeten John-Rittmeister-Institutes in Kiel, eines psychotherapeutischen (später auch psychoanalytischen) Aus -und Weiterbildungsinstitutes für Ärzte und Psychologen. Bis in die Gegenwart ist er diesem Institut als Dozent und Supervisor verbunden.

Für seine Verdienste um die ärztliche Fort- und Weiterbildung wurde Henner Völkel 1981 von der Bundesärztekammer mit der Ernst-von-Bergmann-Plakette ausgezeichnet. Sein soziales Engagement, insbesondere die Betreuung Suchtkranker in der Guttempler Organisation, wurde 1985 durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes gewürdigt.

Nach der Emeritierung von G. E. Störring wurde die Abteilung (und spätere Klinik) für Psychotherapie und Psychosomatik verwaltungsmäßig selbstständig. Auch nach seiner Pensionierung 1981 stand Henner Völkel bis zum Amtsantritt von Hubert Speidel im Jahre 1983 der Klinik als Direktor vor. Er sah sich stets als aktiver Kämpfer für die Etablierung der Tiefenpsychologie als grundlegende Methode, blieb aber, wie er selbst betonte, anderen theoretischen Richtungen gegenüber immer offen.

Auch heute, 25 Jahre nach seiner Pensionierung, sind Henner Völkels berufliche Aktivitäten immer noch beachtlich. Nach wie vor ist er viel gefragter Referent und Seminarleiter auf psychotherapeutischen Veranstaltungen; und unverändert gilt sein Interesse der psychotherapeutischen Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Psychologen und nicht zuletzt seinen vielen Patienten(innen).

In den letzten Jahren ist Henner Völkel häufig zu Gast auf der beschaulichen dänischen Insel Fanö, wo er im Haus eines Freundes hervorragende Bedingungen gefunden hat für fruchtbare Arbeit und eine kontemplative Rückbesinnung auf dieses reiche erfüllte Leben.

So bleibt zum Schluss dem Jubilar zu wünschen, dass ihm Lebendigkeit und Spannkraft, Elan und Gesundheit zu seinem Wohl und zur Freude aller noch lange erhalten bleiben mögen.

Dr. Christel Böhme-Bloem, Düppelstr. 57, 24105 Kiel

Nachruf auf Prof. Dr. Gustav E. Störring (1903 – 2000)

Das Interesse an Psychologie und Psychiatrie war Gustav E. Störring gleichsam in die Wiege gelegt worden. Die Eltern hatten sich in der Leipziger Universitätsklinik bei dem Psychiater Flechsig kennen gelernt, wo die Mutter als junge Oberin und der sechs Jahre ältere Vater als Assistenzarzt tätig gewesen waren. Der Vater hatte sich nach einem Studium der Theologie, Philosophie und Medizin in Leipzig bei dem berühmten Wilhelm Wundt habilitiert, der weltweit als Begründer der wissenschaftlichen Psychologie gilt, dann eine psychiatrische Weiterbildung absolviert und anschließend einige Jahre lang mit seiner jungen Frau ein kleines psychiatrisches Privatsanatorium in der Nähe von Leipzig betrieben. Um die Jahrhundertwende bekam er einen Ruf auf den philosophischen Lehrstuhl in Zürich. Dort wurde Gustav Ernst Störring als viertes Kind und dritter Sohn am 4. April 1903 geboren. In Zürich besuchte er die Primärschule, später in Straßburg die Vorschule des Gymnasiums und ab 1914 in Bonn, wohin der Vater einem Ruf als Ordinarius für Philosophie und Psychologie gefolgt war, das Gymnasium bis zum Abitur.

Bei den Störrings war die berufliche Welt des Vaters von dem persönlichen Bereich und dem Familienalltag wenig abgegrenzt. In den Kindern war so schon früh das Interesse am Arztberuf und an psychologischen Fragen geweckt worden. Und es ist gewiss kein Zufall, dass nicht nur Gustav Ernst Störring, sondern auch seine drei Brüder Medizin studierten und zwei von ihnen ebenfalls Psychiater wurden.

Schon als Primaner saß er „voller Stolz“ – wie er später sagte – in den Psychologievorlesungen seines Vaters. Die Konzepte und Denkansätze seines Vaters in der Gefühlspsychologie haben seine spätere wissenschaftliche Entwicklung wesentlich mitbestimmt, insbesondere auch seine psychotherapeutische Leidenschaft.

Nach Studienjahren in Kiel, Königsberg und zuletzt in Bonn, wo er sein Staatsexamen ablegte und mit einer physiologisch-chemischen Arbeit promovierte („Wirkung des Adrenalins bei einseitiger Ernährung mit Fett“), begann er seine psychiatrische Laufbahn im Jahre 1928 bei Martin Reichardt in Würzburg, einem hervorragenden Psychiater und einem der großen Pioniere der Unfallbegutachtung. Reichardts Buch „Einführung in die Begutachtungslehre“ hat Störring dann in den fünfziger Jahren in Kiel zusammen mit Schellworth neu herausgegeben.

Nach vier Jahren Assistententätigkeit an der Würzburger Klinik wechselte er zur Münchner Nervenklinik, dessen Chef Oswald Bumke, einer der damals bekanntesten deutschen Psychiater, sich vor allem als Herausgeber eines vielbändigen Handbuches der Psychiatrie einen Namen gemacht hatte. In den zweieinhalb Jahren der Münchner Zeit (1932 bis 1934) habilitierte sich Gustav Störring mit einer Arbeit über „Psychopathologie und Klinik der Angstzustände“. So sehr ihm München und der gesellige Umgang mit liebenswerten Kollegen auch gefiel, so wenig Gemeinsamkeiten hatte er letztlich mit Oswald Bumke, der als Enzyklopädist (ironisch als „Handbuchkönig“ tituliert) von seinen Mitarbeitern entsprechende Aktivitäten erwartete, für die Störring wenig Interesse und wenig Voraussetzungen besaß. „Uns trennten Welten“ hat Störring später dazu gesagt. Deshalb bewarb er sich bei Gottfried Ewald, der 1933 Direktor der Psychiatrischen und Nervenklinik in Greifswald geworden war. Sein Aufenthalt in Greifswald als Oberarzt und umhabilitierter Privatdozent dauerte nicht einmal zwei Jahre, denn wenige Monate nach Beginn seiner Tätigkeit folgte Ewald einem Ruf nach Göttingen. Störring sollte ihm folgen, sobald die dort noch besetzte Oberarztstelle frei werden würde. Mit dem Nachfolger Ewalds in Greifswald, Walter Jacobi, hatte Störring so erhebliche Probleme, dass er glücklich war, 1936 endlich Greifswald verlassen und als Oberarzt in Göttingen anfangen zu können. Im gleichen Jahr lernte er seine Frau kennen, die aus der Lüneburger Heide stammte. Geheiratet wurde 1937.

In den Göttinger Jahren war Störring zunächst bemüht, seine Kenntnisse in Neurologie zu erweitern und zu vertiefen, wobei ihn unverändert die Verbindung von Hirnfunktion und psychischen Phänomenen beschäftigte, insbesondere psychopathologische Symptome, die auf das Zwischenhirn (Thalamus und Hypothalamus) hinwiesen. Dabei hat er manche Einsichten vorweggenommen, die erst Jahrzehnte später durch die moderne Neurobiologie aktuell geworden sind.

Während des Krieges war Gustav Störring etwa fünf Jahre lang als Sanitätsoffizier in Lazarettabteilungen der Luftwaffe tätig, davon am längsten als Abteilungsarzt in einem psychiatrisch-neurologischen Lazarett in Paris. Die Eindrücke des Krieges hinterließen tiefe Spuren in ihm und hatten einen nachhaltigen Einfluss auf seine spätere gesellschaftspolitische Einstellung.

Nach dem Krieg kehrte Gustav Störring nach Göttingen zurück. Die Göttinger Jahre von Kriegsende 1945 bis Anfang des Jahres 1949, als er den Ruf an die Medizinische Akademie Düsseldorf annahm, hat er rückblickend nicht selten als die glücklichsten Jahre seines Lebens bezeichnet, sowohl im beruflichen wie im persönlichen Bereich. In seiner klinischen Arbeit wandte er sich mehr noch als früher seinem Lieblingsgebiet Psychotherapie zu. 1947 war er einer der Gründer der „Studiengesellschaft für praktische Psychologie“, in der er 15 Jahre lang den Vorsitz innehatte. Zunächst beschäftigte sich die Studiengesellschaft vorrangig mit den psychologischen Aspekten des Nationalsozialismus. Wie war es möglich gewesen, dass ein altes Kulturvolk so tief sinken konnte? Mit ihren Aktivitäten unterschied sich die Gesellschaft deutlich von den in der ersten Nachkriegszeit vorherrschenden Bestrebungen, dieses zentrale Thema zu vernachlässigen, ja zu verdrängen.

In diesem Zusammenhang stellte sich ihm vor allem die Frage, welche biologisch fundierten psychischen Faktoren im gesunden und kranken Seelenleben das Werterleben im positiven und negativen Sinne grundlegend zu beeinflussen vermögen. Er stieß dabei auf den Begriff der biologisch fundierten transzendenten Bewusstseinsfunktion bzw. logischen Erkenntnisfunktion, die sich prüfend und abwägend ausbreitet über unser intellektuelles Reflektieren und zugleich über unser emotionales Erleben. Der Begriff der transzendenten Bewusstseins- und Erkenntnisfunktion war der Vorläufer seines Begriffes der Besinnung, der einige Jahre später in der Monographie „Besinnung und Bewusstsein“ (1953) eine ausführliche Darstellung gefunden hat. Dieses Büchlein hat er als sein „Lieblingskind“ bezeichnet. Wenn man mit Störring über seine wissenschaftlichen Arbeiten und Interessen sprach, dann stellte er stets die „Besinnung“ in den Vordergrund, die er in diesem 1953 erschienenen Buch behandelt hatte. Im vertrauten Kreis fügte er dann schmunzelnd hinzu, dass dieses Thema ihn nicht zuletzt deshalb fasziniert habe, weil es ihm selbst in seinem Leben so oft an Besonnenheit gemangelt habe. In der Tat, wer Störring nahe stand, erlebte oft, dass er sich mehr von Gefühlen als von kühlen rationalen Überlegungen leiten ließ. Er wusste um diese Schwäche, die zugleich wesentliche Grundlage seiner gütigen Toleranz war, die er allen menschlichen Unzulänglichkeiten gegenüber zeigte und lebte. Er konnte nicht nachhaltig grollen, fand immer wieder „mildernde Umstände“ und hatte in seinem Bemühen, die tragischen Verstrickungen des Menschen in biographischen Zusammenhängen zu sehen, nicht selten sogar Schwierigkeiten, sich bei einer forensisch-psychiatrischen Begutachtung zu der erforderlichen Konsequenz durchzuringen.

Die Besinnung als komplexe höchste integrative Funktion stellt für ihn die Kernfunktion des menschlichen Persönlichkeitsbewusstseins dar. Sie macht den Menschen erst zum Menschen im Sinne des Homo sapiens. Auch hier hat Gustav Störring eine Entwicklung vorweggenommen, die in der modernen Neurobiologie mit den Begriffen des „erweiterten Bewusstseins“ und des „Bindungsproblems“ verbunden wird.

Ende 1949 wurde Störring auf den Lehrstuhl für Psychiatrie an der Medizinischen Akademie Düsseldorf berufen. Damit gingen lang-gehegte Berufswünsche in Erfüllung, zugleich mussten aber auch viele Nachteile in Kauf genommen werden. Es gab damals noch keine psychiatrische Klinik, sondern nur einen kleinen „Pavillon PN“ (Psychiatrie-Neurologie) mit geringer Bettenzahl im Gelände der Krankenanstalten, weit entfernt von dem Landeskrankenhaus Düsseldorf-Grafenberg, in dem einmal wöchentlich ein vierstündiges Kolleg abgehalten wurde. Vorteilhaft war, dass im Landeskrankenhaus eine Fülle eindrucksvoller Krankheitsfälle zur Verfügung stand, die eine anschauliche und lebendige Gestaltung der Vorlesungen ermöglichten.

In Düsseldorf hatte Störring Gelegenheit, sich wieder vermehrt seiner alten Liebe zur Psychotherapie zu widmen. Dabei spielte eine nicht geringe Rolle die Begegnung mit Fritz Mohr, einem der Pioniere der Psychotherapie in Deutschland, dessen Werk „Psychophysische Behandlungsmethoden“ (1925) mit Recht als klassisches Werk der Psychosomatik gewertet worden ist. Bei Fritz Mohr absolvierte er eine längere psychotherapeutische Selbsterfahrung, die Gustav Störring rückblickend als sehr wertvoll für das Verständnis der Psychoanalyse bezeichnet hat. In die Düsseldorfer Zeit fiel auch die von seinem Freund E. Grünthal, Bern, initiierte Herausgabe des Reichardt’schen Lehrbuches der Psychiatrie, in dem Störring als Mitherausgeber den allgemeinen Teil übernahm.

So erfreulich die Düsseldorfer Jahre im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit den anderen Kliniken auch war, insbesondere in Bezug auf psychosomatische Fragestellungen, so unerfreulich waren die engen räumlichen Verhältnisse und beschränkten personellen Möglichkeiten. Deshalb drängte Störring auf den Bau einer Nervenklinik, die von einem Architekten bereits in großen Umrissen entworfen worden war. Zum 50. Geburtstag im April 1953 überreichten wir Mitarbeiter unserem Chef einen großen Kuchen, der exakt als Modell für die geplante 120-Betten-Klinik gestaltet worden war. Als wenige Monate später dann aber klar wurde, dass der Bau einer Klinik aus finanziellen Gründen erst in vielen Jahren durchzuführen sein würde, reifte in ihm der Entschluss, dem Ruf nach Kiel zu folgen, der im Sommer 1953 an ihn ergangen war. Er hatte sich dann aber doch noch eine Frist von einem Semester erbeten, um alle Möglichkeiten zur Erreichung des Neubaus einer Klinik in Düsseldorf auszuschöpfen.

1954 kehrte Störring an die Universität seiner Studentenzeit zurück, diesmal aber als Ordinarius und Chef der Psychiatrischen und Nervenklinik. In den 18 Jahren, in denen er die Klinik leitete, gingen viele seiner alten Wünsche in Erfüllung. Als einer der letzten Lehrstuhlinhaber, die noch die ganze Breite des psychiatrisch-neurologischen Fachgebietes vertraten, hat er in dieser Zeit 15 Mitarbeiter habilitiert, die ihre Schwerpunkte in ganz verschiedenen Teildisziplinen der Psychiatrie und Neurologie hatten: Neuropathologie (Ule), Klinische Neurologie (Laux, Lehmann), Psychopathologie (Döhner, Grahmann, Peters, Boeters, Michaelis, Reimer, Tarnow, Wendland), Kinder- und Jugendpsychiatrie (Opitz, Löwnau), Psychotherapie (Völkel), Medizinische Psychologie (Hauss).

Störring verstand es, die Klinik ohne sichtbaren Kraftaufwand zu leiten und die verschiedensten Charaktere zusammenzuhalten. Gerne zitierte er den Jasperschen Begriff der „Kommunikativen Toleranz“. Sie war für ihn die Grundlage seiner Beziehungen zu den Mitarbeitern, wobei es für ihn selbstverständlich war, ihnen ein Höchstmaß an Freiheit im Denken und Handeln einzuräumen. Dabei sparte er nicht mit Lob und Anerkennung. Zugleich war er ein engagierter Diskussionspartner und konnte sich leidenschaftlich begeistern für einen ungewöhnlichen Fall, für eine neue Idee, eine originelle Interpretierung. Der eindrucksvolle Traum eines Patienten konnte ihn so bewegen, dass die Routinearbeit für Stunden in den Hintergrund trat. Es ist bezeichnend für ihn, der zuweilen über sein schlechtes Gedächtnis klagte, dass er für Träume ein geradezu phänomenales Gedächtnis hatte, denn – so formulierte er es – „da wird ja alles durch das logische Band der hintergründigen Gefühle und Triebe zusammengehalten“.

Seine Mitarbeiter kannten seinen spontanen Enthusiasmus, der vorübergehend sogar kritische Gegenargumente außer acht ließ, sich dann aber wenige Stunden später wieder reduzierte auf das empirisch gesicherte Ausmaß. Natürlich wusste er um seinen emotionalen Überschwang und mehr als einmal hat er im vertrauten Kreise geäußert, dass seine eingehende Beschäftigung mit der Besinnung als höchster integrativer Funktion unserer Psyche kein Zufall sei. Seine Stärke lag in der Intuition und Abstraktion, wogegen es ihm stets Mühe kostete, sich zu einer enzyklopädischen Akribie zu zwingen. Viele originelle Gedanken – sporadisch und aphoristisch geäußert – sind nicht dokumentiert worden und so leider verloren gegangen.

Lange Zeit hatte die Kieler Nervenklinik ein relativ isoliertes Dasein geführt, als „Spleenberg“ wurde sie von der Bevölkerung gemieden. Nun gelang es Störring vor allem durch die starke Betonung der Psychotherapie und Psychosomatik interessierte Studenten anderer Disziplinen, vor allem aber auch Ärzte zu interessieren, die besonders die Spezialvorlesungen über Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychiatrie gerne besuchten. Das zweistündige Mittwochabendkolleg „Forensische Psychiatrie“, das er zusammen mit dem Rechtsmediziner Hallermann abhielt, fand bei Hörern aller Fakultäten großen Anklang, insbesondere bei den Jurastudenten.

Die Förderung der Psychotherapie war für ihn ein Herzensanliegen. Dabei vertrat er den Standpunkt, dass die Psychotherapie die ganze Psychiatrie und Neurologie durchdringen, „infiltrieren“ sollte. Von einer eigenständigen Psychotherapie hielt er wenig, lange Zeit sträubte er sich gegen die Einrichtung einer psychotherapeutischen Abteilung. 1964 gelang es ihm, eine Professur für „Medizinische Psychologie und Psychotherapie“ zu erwirken, die von ihm in den folgenden Jahren dann aber doch mit einer bescheidenen „psychotherapeutischen Station“ verbunden wurde, zunächst allerdings nur mit weiblichen Patienten belegt.

Höhepunkte im Leben der Klinik waren die Habilitationsfeiern, zu denen die Küche (damals noch zur Klinik gehörig und dem Klinikdirektor unterstellt!) jeweils ein großartiges Festmahl bereitete. Höhepunkte waren aber auch die regelmäßigen Einladungen Störrings in sein gastliches Haus – von seiner Frau großzügig arrangiert -, die in mehreren Etappen erfolgten und sich keineswegs auf die ärztlichen Mitarbeiter beschränkten, sondern „bunt gemischt“ Ärzte, Schwestern, MTA’s und Angestellte in fröhlicher Runde vereinten. Es wurde ausgiebig gegessen und getrunken und anschließend – mit dem unermüdlichen Chef an der Spitze – bis in die frühen Morgenstunden getanzt. Über viele Jahre lud er gegen Semesterende sogar eine größere Zahl von Studenten der laufenden Hauptvorlesung ein, die sich bei ihm zu Hause in gleicher Weise bei Tanz und reichlicher Bewirtung bis in die frühen Morgenstunden vergnügten. Das alles ist heute kaum mehr vorstellbar, entsprach aber auch damals nicht den üblichen Normen und war nur denkbar mit einer Partnerin vom Format seiner Frau Lisa.

Die Emeritierung bedeutete für Gustav Störring nicht jenen schmerzlichen Einschnitt, den sie für viele Kollegen anderer medizinischer Disziplinen darstellt, die abrupt die gewohnten beruflichen Möglichkeiten verlieren. Im Gegenteil: er bezeichnete es als großes Glück, an dem Ziel angelangt zu sein, das ihm schon als Student besonders erstrebenswert erschienen sei – bei der psychotherapeutischen Arbeit. Bis in die letzten Wochen seines Lebens hat er psychotherapeutisch gearbeitet. Und nicht nur mit alten Patienten, die ihm gleichsam die Treue gehalten haben, sondern auch mit jüngeren Menschen, deren Nöte und Sorgen er genau so einfühlsam zu erspüren vermochte wie vor vielen Jahrzehnten.

In der Skala seiner Werte standen Freundschaft und Freundestreue stets an erster Stelle, nun hatte er Zeit und Muße liebgewordene Beziehungen zu pflegen und zu intensivieren. Die bei seinem hohen Lebensalter dennoch unausbleibliche Vereinsamung, die er zuweilen beklagte, wurde dadurch gemildert, dass manche der alten Mitarbeiter in den Jahrzehnten nach der Emeritierung zu engen Freunden geworden waren. Vor allem aber waren es seine Tochter und sein Sohn sowie deren Familien, die ihn bis in die letzten Stunden seines langen und erfüllten Lebens liebevoll begleitet haben.

Prof. Dr. med. Henner Völkel, Kiel

Band XXVI: Rummel, Ritus, Religion

ISG-Schriftenreihe „Praktische Psychologie“ Band XXVI
Herausgegeben von Dieter Korczak und Hartmut Rosenau
Neukirchener Verlag, 2004, ISBN 3-788719-89-3;
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KOMMENTARE:

Die Rolle der Religionen in der westlichen Gesellschaft ist (nach dem 11. Sept. 2001) wieder verstärkt fraglich geworden, ebenso das postmoderne Konzept einer Ästhetisierung der Lebenswelt. Kunst und Religion inmitten der alltäglichen Lebenswelt können nicht mehr ins rein Private zurückgestellt werden. Das ist laut Vorwort die Überzeugung der Herausgeber der Beiträge der 58. Jahrestagung der Interdisziplinären Studiengesellschaft für Praktische Psychologie e.V. im Oktober 2001 in Kiel. Die Gliederung erfolgt gemäß dem alliterativ-plakativen Titel. Vorgeschaltet sind „Philosophische Überlegungen zum Verhältnis von Ästhetik und Religion“ von Hans-Ulrich Baumgarten (9-21): Der 11. September war wirksam besonders auch durch die „Ästhetik“ der (Fernseh-)Bilder (Karlheinz Stockhausen), – Baumgarten aber warnt: „Wenn Theologie und damit der Glaube sich einer solchen Oberflächenästhetisierung annähern, verlieren sie ihr kritisches Potenzial“ (11). Unter Bezug auf Kant formuliert er: „Ästhetik und Religion sind Weisen der Selbstbesinnung. In dieser Selbstbesinnung erkennt sich der Mensch…“(21). In Teil A wird dann dem Stichwort „Rummel“ nachgegangen. Der Soziologe Dieter Korczak beschreibt Rummel als Mentalität (23-30). Im „Iconic Turn“ überlagert die Wucht der Bilder die Kraft der Worte. Am Symbol des Kreuzes und seiner Verwendung in der Werbung formuliert Korczak: „Geschmacklosigkeit, Tabulosigkeit und Rummelmentalität sind die Schlüsselmerkmale der hochindustrialisierten westlichen Gesellschaften“ (29). Der Beitrag von Christian Thomas „Schwert und Flugzeug – Die Stadt als Ziel des Hasses und Raum der Erinnerung“ (31-34), sieht den Beginn des rituellen Städtemordens nicht erst im New York des 11. Sept., sondern in Sodom und Gomorrha, Hiroshima und Dresden…: „Für das manichäische Weltbild und seine Sehnsucht nach nicht-komplexen Verhältnissen ist vom Städtischen immer schon eine unheimliche Bedrohung ausgegangen“ (32).

In Teil B zu „Ritus“ finden sich folgende Beiträge: Der Kommunikationswissenschaftler Harry Pross begreift unter Bezug auf Montaigne und Lessing Riten als Sozialkitt (35-45): „Riten sind periodisch wiederholte Handlungen unter zeitlich fixierten Bedingungen in bestimmten Räumen“ (35). Sie „unterwerfen subjektive Lebenszeit kollektiven Ordnungen“ (37). Der Religionspädagoge Eckart Gottwald beschreibt anhand schon andernorts veröffentlichter Beispiele aus der (Anzeigen-)Werbung Ritus und Religion in der Werbung: Zur Transformation von Religion in der Lebenswelt (47-68). Werbung als Lifestyle-Religion übernimmt religiöse Funktionen wie Sinndeutung und Sinnstiftung, Identitätssicherung oder soziale Integration. Die Ethnologin Christiane Pantke vergleicht traditionelle Altarkulturen aus dem afroamerikanischen Kontext (Brasilien, Kuba) mit ritualisierter deutscher Alltagskultur (Autowaschanlagen, Fernsehecke etc.) und plädiert für eine Differenzierung: „Der Begriff des Rituals umfasst religiöse Bräuche und beschreibt religiöse Handlungen, die einem festgeschriebenen tradierten Regelwerk unterliegen. Sein inflationärer Gebrauch, die Übertragung auf repetitive Alltagshandlungen, macht den Begriff nichtssagend. Von ritualisierter Alltagskultur kann gesprochen werden, wenn repetitive Handlungen mit religiösen Konnotationen versetzt werden. Ritualisierte Kommunikation wäre dementsprechend eine Kommunikation, die mit Symbolik aus der transzendenten Ebene angereichert wird“ (82). „Schön, selbstbewusst, ästhetisch: Über die rituelle Bedeutung von Haaren“ (87-94) – Wem (als Rezensent) langsam die Haare verloren gehen, der wird diesen kulturgeschichtlichen Abriss von Dieter Korczak von der Lorelei über Samson und Delihah bis Hair mit Amusement und Interesse lesen: „Haare ab!“ ist schon immer der Befehl der Macht gewesen“ (88) – und wir erkennen leider diese ungebrochene Poetik des Haares erschreckt wieder: vom gefangenen Saddam Hussein bis Guantanamo Bay.

In Teil C geht es dann zur „Religion“: Der katholische Didaktiker Waldemar Molinski skizziert den alten Streit Bildersturm und Bilderverehrung. Die Bedeutung des zweiten Gebotes im Medienrummel (95-115) mit dem „Ergebnis: Berechtigte Bilderverehrung unter Wahrung des Fremdgötter- und Götzenverbotes“ (114). Der Kieler systematische Theologe Hartmut Rosenau beschäftigt sich unter dem Titel Sakraltourismus und Geomantik. Zur Attraktivität von Mystik, Magie und Esoterik (117-129) mit einem schillernden religiösen Phänomen der Gegenwart; denn Pilgerreisen zu Heiligen Stätten haben Konjunktur. Der Rabbiner Natahn Peter Levinson schließlich erläutert jüdische Speisevorschriften unter der Überschrift „Der Mensch ist, was er isst“ (131-135) und nimmt so das Triviale, das Alltägliche hinein in das Göttliche.

Insgesamt eine interessante Tagungsdokumentation, die gerade in ihrer Unabgeschlossenheit, ihrer Divergenz, ihrem Eklektizismus und ihrer Multiperspektivität anregend wirken kann.

Gerd Buschmann
International Journal of Practical Theology, Vol. 9, pp. 157-158, de Gruyter 2005