Archiv für den Monat: Juli 2010

57. Jahrestagung – Das schöne, neue Leben

Das schöne, neue Leben.

Entwürfe für eine bessere Welt

29.09. – 01.10.2000
Konstanz


Allgemeine Information

Die verwirklichte Wohlstandsgesellschaft, die Aldous Huxley in seinem 1932 erschienenen Buch „Brave new world“ beschrieb, ist eine Gesellschaft mit einem Kastensystem, künstlicher Geburtenproduktion, Gedankenkontrolle, Glücksdrogen und dummen Unterhaltungsspielen. In dieser Gesellschaft sind zwar Unruhe, Elend und Krankheit überwunden, aber auch Freiheit, Religion, Kunst und Humanität auf der Strecke geblieben. Ein Szenario, das heute eine erschreckende Aktualität gewonnen hat. Ist das die Welt, in der wir zukünftig leben wollen? Oder gibt es andere Visionen und Entwürfe für unsere Zukunft? Wie könnte das schöne, neue Leben aussehen? Die 57. Jahrestagung der ISG will darauf Antworten geben.


PROGRAMM

Freitag, 6.10.2006

Freitag, 29. September 2000, Kulturzentrum Konstanz, Wolkensteinsaal

14.00 Uhr Registrierung der Tagungsteilnehmer

14.15 Uhr Grußwort von Horst Frank, Oberbürgermeister von Konstanz

14.30 Uhr 1. Einführung

„Zur Zeit als das Buch verfasst wurde, war dieser Gedanke, dass den Menschen Willensfreiheit gegeben sei, damit sie zwischen Wahnsinn einerseits und Irrsinn andererseits wählen, etwas, dass ich belustigend fand und für möglicherweise durchaus wahr hielt.“*

„Was wir von Aldous Huxley lernen können“ (Dieter Korczak, Soziologe, Weiler im Allgäu)

15.00 Uhr 2. Politisches System
„Die wirklich revolutionäre Revolution lässt sich nicht in der äußeren Welt bewirken, sondern nur in den Seelen und Körpern der Menschen. Es ist also wahrscheinlich, dass alle Regierungen der Welt mehr oder weniger totalitär sein werden.“*

„Achtung Zukunft! Zehn Szenarien“ (Jürgen Wertheimer, Komparatist, Tübingen)

15.45 Uhr Kaffeepause

16.00 Uhr Diskussion

16.45 Uhr „UtopiaUnderConstruction“ – Event-Produktion der Fachhochschule Konstanz

17.30 Uhr Mitgliederversammlung, Gäste sind herzlich willkommen

ca. 19.00 Uhr Ende des 1. Tages

Samstag, 30. September 2000, Kulturzentrum Konstanz, Wolkensteinsaal

09.00 Uhr 3. Arbeitswelt
„Je mehr sich politische und wirtschaftliche Freiheit verringerte, desto mehr strebt, entschädigenderweise, die sexuelle Freiheit danach, sich zu vergrößern.“*

„Die Multi-Optionsgesellschaft“ (Peter Gross, Soziologe, St. Gallen)

09.45 Uhr Diskussion

10.30 Uhr Kaffeepause

10.45 Uhr 4. Recht auf Privatsphäre
„Die größten Triumphe der Propaganda wurden nicht durch ein Tun, sondern durch das Unterlassen eines Tuns vollbracht. Groß ist die Wahrheit, größer aber, vom praktischen Standpunkt, ist das Verschweigen der Wahrheit.“*

BIG BROTHER is watching you – Wer überwacht wen zu welchem Zweck?“ (Jochen Becker, Kritiker, Berlin)

11.30 Uhr Diskussion

12.15 Uhr Ende der Vormittagsveranstaltung

Mittagspause

14.00 Uhr 5. Die virtuelle Welt
„Schönheit ist anziehend und wir wollen nicht, dass die Menschen sich vom Alten angezogen fühlen. Wir wollen, dass ihnen das Neue gefällt.“*

„Lauter Disneyland’s – Die Inszenierung der Architektur“ (Ulf Jonak, Architekt, Universität/GH Siegen)

14.45 Uhr Diskussion

15.30 Uhr Kaffeepause

15.45 Uhr 6. Die Medizin der Zukunft
„Man kann von Gott nur unabhängig sein, so lange man sich der Jugend und des Wohlergehens erfreut. Nun, jetzt haben wir Jugend und Wohlergehen bis zum allerletzten Augenblick. Was folgt daraus?“*

„Forever young – Die Kunst der ewigen Jugend und Lebensverlängerung“ (Marianne Schrader, Ärztin, Lübeck)

16.30 Uhr Diskussion

17.15 Uhr Ende der Nachmittagsveranstaltung

19.00 Uhr Geselliger Abend in Schloss Ahrensburg

Sonntag, 01. Oktober 2000, Kulturzentrum, Wolkensteinsaal

09.30 Uhr 8. Internet-Zeitalter
„Worte können Röntgenstrahlen gleichen, wenn man sie richtig anwendet. Aber wozu in aller Welt ist es gut, von einem Artikel über einen Vereinigungschor oder die neuesten Verbesserungen des Duftorgelbaus durchdrungen zu sein?“*

„Kommunikation und Wissen durch Internet“ (Vincente Romano)

10.15 Uhr Diskussion

10.45 Uhr Kaffeepause

11.15 Uhr 9. Lebenssinn
„Allgemeine Glückseligkeit lässt die Ruder unablässig laufen, Wahrheit und Schönheit bringen dies nicht zuwege.“*

Das schöne, neue Leben beginnt mit der Völkerwanderung“ (Aron Ronald Bodenheimer, Psychoanalytiker, Emeritus Universität Tel Aviv)

12.00 Uhr Diskussion und Resümee der Tagung

ca. 13.00 Uhr Tagungsende

* Alle Zitate entnommen aus: Aldous Huxley, „Schöne neue Welt“, Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1953;
Seiten 7, 12, 13, 169, 159, 14, 165/170, 186, 185, 165


REFERENTEN

Jochen Becker, Kritiker (die tageszeitung, Kunstforum), Berlin; Ausstellungsmacher u. a. von „Baustop.randstadt“.

Aron Ronald Bodenheimer, Prof. Dr. med., Psychoanalytiker in Zürich, Emeritus Universität Tel Aviv; Bücher u. a. „Warum? Von der Obszönität des Fragens“ (1999) und „Verstehen heißt Antworten“ (1992).

Vincente Romano, Prof.

Peter Gross, Prof. Dr. rer. pol., Soziologe, Hochschule St. Gallen (HSG), Leiter des Instituts ür Soziologie; Autor u. a. von „Die Multioptionsgesellschaft“ (1994) und „Ich-Jagd. Im Unabhängigkeitsjahrhundert“ (1999).

Ulf Jonak, Prof. Dipl.-Ing., Architekt, Universität-Gesamthochschule Siegen, Fachbereich 9: Architektur und Städtebau; Arbeitsschwerpunkt: Grundlagen der Gestaltung und Architekturtheorie; Beirat der ISG; Autor u. a. von „Die Frankfurter Skyline. Eine Stadt gerät aus den Fugen und gewinnt an Gestalt“ (1997).

Dieter Korczak, Dr. rer. pol., Soziologe, Leiter des sozialwissenschaftlichen Forschungszentrum für Grundlagen und Programmforschung (GP-Forschungsgruppe) in München und Weiler/ Allgäu; 1. Vorsitzender der ISG; Gutachter des Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung, Autor u. a. von „Lebensqualitäts-Atlas. Umwelt, Kultur, Wohlstand, Versorgung, Sicherheit und Gesundheit in Deutschland“ (1995).

Marianne Schrader, Prof. Dr. med., Plastische Chirurgie, Medizinische Universität Lübeck, Vorstandsmitglied des Deutschen Ärztinnenbundes.

Ingelore Welpe, Prof. Dr. rer. nat., Anthropologin, Fachhochschule Kiel, Fachbereich Sozialwesen; Leiterin des Instituts für Frauenforschung; Arbeitsschwerpunkte: Psychologie, Soziale Arbeit mit Frauen; Mitautorin des Familienberichtes des Landes Schleswig-Holstein.

Jürgen Wertheimer, Prof. Dr. phil., Komparatist, Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Neuphilologische Fakultät; Vertreter der Komparatistik am Deutschen Seminar; Autor u. a. von „Von Poesie und Politik“ (1994) und „Don Juan und Blaubart. Erotische Serientäter in der Literatur“ (1999).

Vergangene Tagungen (vor 2000)

  • 56. Jahrestagung vom 01.10. – 03.10.1999 in Grevenbroich/Kreis Neuss: Gehirn – Geist – Gefühl
  • 55. Jahrestagung 1998 in Eisenach: Traditionen erhalten – Fortschritt gestalten
  • 54. Jahrestagung 1997 in Bad Pyrmont: Im Spannungsfeld der Motivationen 1947-1997
  • 53. Jahrestagung 1996 in Bad Herrenalb: Zeit – Zeitgeist – Geist
  • 52. Jahrestagung 1995 in Essen: … rund um die Arbeit
  • 51. Jahrestagung 1994 in Weimar: Menschen – Tiere – Pflanzen. Werden Tiere und Pflanzen als Mitgeschöpfe beachtet?
  • 50. Jahrestagung 1993 in Bad Pyrmont: Wer oder was ist der Mensch? Die Wissenschaften und das Menschenbild
  • 49. Jahrestagung 1992 in Lübeck: Leben im Wertewandel unserer Zeit
  • 48. Jahrestagung 1991 in Mannheim: Wissen – Glaube – Aberglaube
  • 47. Jahrestagung 1990 in Bad Herrenalb: Wo bleibe ich? Der Verlust des Subjektes in den großen Gesellschaftssystemen unserer Zeit
  • 46. Jahrestagung 1989 in Bocholt: Wahrnehmung und Wirklichkeit. Im Horizont der Wahrnehmung: Das ICH/ das DU/ die Anderen und die Dinge
  • 44. Jahrestagung 1987 in Bad Pyrmont: Die Würde des Menschen ist unantastbar
  • 43. Jahrestagung 1986 in Pforzheim: Die Selbstherausforderung des Menschen durch seine Technik
  • 41. Jahrestagung 1984: Geht uns die Zeit verloren? Beiträge zum Zeitbewusstsein
  • 40. Jahrestagung 1983 in Bad Pyrmont: Die seelischen Nöte unserer Zeit
  • 38. Jahrestagung 1981 in Osnabrück: Hat die Familie Zukunft?
  • 37.Jahrestagung 1980 in Lüneburg: Erziehung: Inhalte – Wege – Stile
  • 35. Jahrestagung 1978 in Bad Kissingen: Einsamkeit – Leiden oder Chance?
  • 34. Jahrestagung 1977 in Hannover: Der festgestellte Mensch und seine Zukunft
  • 33. Jahrestagung 1976 in Karlsruhe: Kriminalität heute – Ursachen und Bekämpfung
  • 31. Jahrestagung 1974 in Lübeck: An den Rand gedrängt? – Problemgruppen in unserer Gesellschaft
  • 27. Jahrestagung 1970 in Kaiserslautern: Die Unruhe der Jugend: Neue Gruppen – Neue Wege – Neue Ziele
  • 26. Jahrestagung 1969 in Lüneburg: Der Mensch in der Katastrophe: Angst – Panik – Hoffnung
  • 25. Jahrestagung 1968 in Lüneburg: Psychologie des Gegeneinander und Miteinander
  • 24. Jahrestagung 1967 in Regensburg: Der manipulierte Mensch
  • Gründungstagung 1947 in Bad Pyrmont: Die seelische Not des Menschen in unserer Zeit

62. Jahrestagung – Geld und andere Leidenschaften

25.-27. September 2005
Görlitz


Allgemeine Information

Geld ist ein Tauschmedium, das dem menschlichen Bereich vorbehalten ist. Tiere kennen kein Geld. Tiere sind Instinktwesen, sie kennen deshalb auch keine Leidenschaften.
Geld und Leidenschaften gehören eng seit Anbeginn der menschlichen Geschichte zusammen. Es ist unwesentlich, welche dingliche Form Geld im Verlauf der Geschichte angenommen hat. Von Muscheln und über Münzprägungen bis zur heutige Form des
elektronischen Zahlungsverkehrs ist Geld immer ein Tauschwert gewesen, der sich nur durch gegenseitige Überzeugungen materialisiert hat.
Die Sichtweise des Geldes als zentralen Glücksbringer durchdringt heute alle Gesellschaftsschichten und gesellschaftliche Sphären. Geld erfährt eine Wertschätzung ohnegleichen. Es symbolisiert grenzenlosen Reichtum und schafft unendliche Leiden. Überschuldung, Bankrott, seelischer Ruin gehören ebenso zum Geld wie Glamour, Macht und Prestige. Die 62. Jahrestagung hat sich zum Ziel gesetzt, diese Zusammenhänge aufzudecken und zu reflektieren. Es geht letztlich darum, einen entspannten Zugang
zum Geld und zu der mit Besitz verbundenen sozialen Verantwortung zu finden, der glücklich macht und nicht ins Unglück führt.

Sonntag, den 8.10. 2005

10.00 Uhr Stefan Gammel
Wie passt Nanotechnologie in die Gesellschaft?
Das Verhältnis von Nanotechnologie und vorgestellter gesellschaftlicher Struktur gehört zu den zentralen Elementen der Visionen der Nanotechnologie. Wie nachhaltig ist diese Technologie, mit welchen gesellschaftlichen Auswirkungen muss gerechnet werden, welche Chancen und welche Risiken ergeben sich?

11.30 Uhr Prof. Dr. Alfred Nordmann
Wohin geht die Reise? Gesellschaftliche Implikationen der Nanotechnologie
Im Fall der „Nanotechnologie“ wird eine Wissenschafts- und Technikentwicklung von der Wissenschaftsphilosophie in statu nascendi verfolgt – nicht zuletzt deshalb, um Anregungen für deren Gestaltung zu geben. Ein Anzeichen einer „reifen“ Demokratie?

13.00 Uhr Tagungsende


REFERENTEN

Eske Bockelmann hat Klassische Philologie und Germanistik studiert. Zur Zeit lehrt er an der Technischen Universität Chemnitz und
hat 2004 das Buch „Im Takt des Geldes“ veröffentlicht.
Christoph Deutschmann lehrt Soziologie an der Universität Tübingen,hat zahlreiche Veröffentlichungen zu soziologischen Aspekten
des Umganges mit Geld und 2002 den Band „Die gesellschaftliche Macht des Geldes“herausgegeben.

Helmwart Hierdeis lehrt Pädagogik an der Universität Innsbruck, ist Gründungsdekan der Fakultät für Bildungswissenschaften Brixen der Freien Universität Bozen, Psychoanalytiker, Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Bildungsgeschichte und zu pädagogischen Problemen.

Dieter Korczak ist Soziologe, 1. Vorsitzender der ISG und Leiter der GP Forschungsgruppe in München. Seine Arbeiten zur Überschuldung privater Haushalte sind für den 1. und 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung herangezogen worden.

Monika Kritzmöller hält in St. Gallen Vorlesungen in Marketing unter besonderer Berücksichtigung des Kundenverhaltens und berät
Unternehmen in ihrem Institut für Lebensstilforschung im Allgäu.

Gerd Leidig ist Apotheker und Wissenschaftsjournalist und hat gemeinsam mit Andrea Tichy 2003 den Band „Happy Money“ veröffentlicht.

Frank Müller, promovierter Betriebswirt der Universität St. Gallen, ist Präsident und CEO der Glashütter Uhrenbetrieb GmbH und Mitglied der erweiterten Konzernleitung der Swatch Group AG.

Michael-Burkhard Piorkowsky lehrt an der Universität Bonn Haushalts- und Konsumökonomik und hat für das Bundesfamilienministerium 17 Projekte zur Armutsprävention koordiniert.

Ludwig Poullain ist Bankkaufmann und jetzt Privatier. Er war der erste Vorstandsvorsitzende der WestLB bis 1977 und von 1967 bis 1972 Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. 2004 hat er sich in einer der FAZ veröffentlichten ungehaltenen Rede zur Redlichkeit der Bänker geäußert.

Sigga Speit ist ausgebildete Mediatorin und studiert Psychologie an der Humboldt-Universität Berlin.

Michael Wilken
, Kölner Volkswirt, Medizinsoziologe, Mediator. Er ist Leiter der KIK GmbH, die Coaching- und Training zu den Themen Konflikt, Stressbewältigung und Suchterkrankung durchführt.

„Big Brother is watching you“ – Wer überwacht wen? Freizeitspaß in der Überwachungsgesellschaft

Abstract von Jochen Becker

Big Brother ist okay! So singen die Dauerobservierten ihrem Brötchengeber vor laufender Kamera ein Ständchen. Zuschauen, observieren, kontrollieren gilt als neuer Freizeitspaß. Das Beobachtet werden entwickelt eine zwanghafte Freiwilligkeit heraus, da ansonsten sozialer und ökonomischer Ausschluss von den „Vorzügen der Verbrauchergesellschaft“ (Reg. Whitaker) droht. ProduzentInnen, KonsumentInnen und TeilnehmerInnen gehen hierbei einen neuen Sozialvertrag ein. Doch zugleich formiert sich in Leipzig die erste Anti-Überwachungskamera-Demonstration in der Bundesrepublik.

Wie tief greifen staatliche und zunehmend privatwirtschaftliche Kontrollszenarien in den Alltag bis ins Gefühlleben der Menschen ein? Und wie formatiert sich in kontrollierten Themenpark-Erlebniswelten, im Internet wie auch im Reality TV eine neue Überwachungsgesellschaft? Peter Weir’s Kinosatire „Die Truman Show“ sowie der Action-Film „Staatsfeind Nummer eins“ geben hierzu einen Vorschau.

Das neue Leben beginnt mit der Völkerwanderung

Abstract von Aron Ronald Bodenheimer

Soll ein Zukunftsentwurf sich nicht in Schauervisionen wie Untergang des Abendlandes, Happy New World oder 1984 totlaufen, so hilft eine gelassene Betrachtung unserer heutigen Realität dabei, die Richtung unserer Zukunft wo nicht entscheidend zu beeinflussen, da doch in den Fokus unseres Ausblickes zu visieren und so, wenn wir schon auf den Weltlauf nicht einwirken können, uns an ihn zu adaptieren, damit er nicht über uns hinweg geht – damit die Zukunft nicht Weltuntergang heißt. Ansonsten hätten wir festzustellen, dass all die in nostradamisch inspirierten Horrorfilmen prophezeiten Bilder von der großen Apokalypse längst zur Wirklichkeit gehören. Der Weltuntergang findet nämlich statt, heute und vor unseren Augen. Allerdings nicht unter dem Bilde der köstlich-kitzligen Komödien, wie der Bildschirm sie täglich offeriert. Sondern viel tragischer, weil aus dem engen Blickfeld ausgeblendet, welches unsere winzige nordwestliche Region des Globus uns vorhält.

Die Öffentlichkeit sieht Apokalypse als Weltenbrand; denkt dabei an eine Kollision von Mars, Erde, Venus und dergleichen telegene Szenen, die projiziert werden, um uns so übersehen zu lassen, dass sonst allerorten gegenwärtig und gleich auf drei riesigen Kontinenten die Katastrophe, längst eigenaktiv geworden, ständig ihren alles vernichtenden Fortgang nimmt. Und wir schauen nicht hin. Warten stattdessen auf die Invasion von UFOs und überlassen uns anderen infantilen Bildern aus Disneys Küche. So brauchen wir nicht wahrzunehmen, das Armut, Verbrechen, Kriege, Seuchen und Süchte die Welt in Erschütterung, die Völker in Bewegung gebracht haben, stürmisch bis zum Überschwappen, und die nicht ertrinken, wandern zu Myriaden über die Weltoberfläche. Bis an unsere Grenzen. Sie stehen davor, und wir igeln uns ein hinter Stacheldraht. Die so abgesicherten Grenzen, meinen wir, können die Grundwelle der gewaltigen Wanderwelle von uns fernhalten. Wir sehen weg und denken und riechen hinweg, fort von dem, was da geschieht und nehmen den Moderduft nicht wahr, der mittlerweile die große weite Welt erfüllt. – Man kann, wissen wir, ohnedies nichts dagegen tun. Weshalb also sollte man hinsehen, weshalb etwas unternehmen, außer sich schützen vor dem Fremden, das da zu uns strebt?

Dabei böte sich ein Mittel an, um, freilich in bescheidenem Masse, diese Entwicklung zu steuern. Freilich nicht dadurch, dass wir uns gegen sie abschirmen, sondern vielmehr ihr entgegen kommen, woraus wir selbst erst noch gegen alle Erwartung einen ansehnlichen Gewinn, eine Förderung unserer Menschlichkeit erfahren. Das Mittel, verblüffend einfach und in der Erfahrung als wirksam erwiesen, heißt: Zulassung, ja Förderung der großen Bewegung, die da allerorten losgetreten wurde. Und die am genauesten unter dem der Geschichte vertrauten Begriff der Völkerwanderung zu fassen ist. Eine Erschütterung, die sich, umfassender als die Begebnisse, die bisher unter diesem Begriff abgehandelt worden sind, freilich unsere friedvolle Insel Euramerika ausgespart hat.

Um bereit und fähig zu werden, dass wir vermeintlich sicher Festsitzenden diese globale Bewegung zu einem bedeutsamen Teil unseres Lebens und Wesens werden lassen, tun wir gut, einige Reflexionen zu dem Thema anzustellen, welches Völkerwanderung heißt. Ich wüsste keine treffendere Bezeichnung für das, was gegenwärtig geschieht. Der Begriff lässt sich, meine ich, auch vor dem Aspekt rechtfertigen, welchen die Geschichtskunde geläufigerweise mit diesem Namen bedenkt.

Zunächst diese Erwägung: Wandern ist eines von den eher wenigen Phänomenen, die im Wesentlichen unverändert seit vorgeschichtlichen Tagen allem Lebendigen, mithin auch dem Menschen, als immanenter Drang, ja als lebenserweiternde Gewohnheit zu eigen gewesen sind. So lange gewandert wird, erneuern die Völker ihre Lebenskraft und genau so lang strafen sie Fukuyamas These vom Ende der Geschichte Lügen. Nicht nur Seefahren, jegliches Wandern ist notwendig – Wandern, nicht das kultur-zerstörerische Reisen, das hochmütig leutselige Betrachten der Fremden mit ihren merkwürdig anderen archaischen, bestenfalls als folkloristisch sehenswert wahrgenommenen Gebräuchen. Wandern auf dem Pfad des Lebens gilt nicht nur als Metapher, sondern es benennt eine Verrichtung, durch die alleine das Aufnehmen, Adaptieren und Verarbeiten von Neuem, noch Unvertrautem, das Ablagern von Ausgelebtem, die stete, lebenserhaltende Erneuerung des Einzelnen wie des Kollektivs garantiert. Elementar menschlicher Forderung entspricht das Naturrecht des Betreuens von Wandernden. Dies wird bezeugt durch die alte Sitte des gastfreundlichen Aufnehmens von Durchziehenden, welches Grundrecht – als ein unveräußerliches Recht nicht dem Wanderer, sondern seinem Beherberger zugestanden – im Sinne eines der tragenden, durch die Zeiten unverrückbar gebliebenen Fundamentes – die zwei zeitüberdauernden abendländischen Lebensordnungen, die hellenische und die jüdisch-christliche, stützt, heute wie je zuvor. Weder haben Philemon und Baucis, noch Abraham und Sarah ihre Gäste, noch hat Jesus die seinen auf Hautfarbe, Glauben, Herkunft, auf den Anlass zum Antreten ihrer Wanderung oder gar auf die Gültigkeit ihrer Papiere, auch nicht auf die Frage hin geprüft, wie sympathisch sie uns seien, ehe sie die Fremden unter ihr Dach baten. Und jedes Mal hat es ihnen Segen gebracht, dass sie all das nicht taten. – Damit auch uns etwas Vergleichbares gelingt tun wir gut daran, dass wir fürs erste solche gedankenlos immer weiter kolportierten, zunehmend ausgehöhlten Begriffsbilder wie „Heimat“, „Tradition“, „Kultur“ und insgesamt das, was uns unreflektiert als Bereich der unveränderlichen Werte gilt, aus dem Arsenal der Schlagwörter hervor holen und sie neu überdenken. Diese Schwerarbeit kann uns niemand abnehmen und sie wird nur gelingen, wenn wir zulassen, dass das uns Fremde sowie und vor allem das Entfremdete in unsere Betrachtungen mit hinein genommen wird.

„Heimat“: Das Bild wie der Name, beide sind gewachsen aus dem Heimweh. Erst später hat Heimat sich zu jenem eigenständigen Topos entwickelt, der wesenhaft Gefahren in sich trägt, weil er unvermeidbar massenmörderische Fanatismen mobilisiert und zudem, stets unter der Parole, die Heimat zu schützen, rabiate Ausbrüche über deren Grenzen hinaus mobilisiert, die am Ende immer in Annexionsgelüste ausgehen. – Heimat als Ort, an dem ein Kollektiv seit Urzeiten festgewachsen ist, gibt es nicht; hat es nie gegeben. Außer dem Pithekanthropus sind alle Völker ausnahmslos durch Wanderung an den Ort gelangt, den sie jetzt eben besetzt halten. Weshalb es auch nicht ein höheres oder minderes Recht auf irgend ein als Heimat deklariertes Territorium geben kann.

„Tradition“ ist einer von vielen Namen für Gewohnheit. Will sagen: für die Trägheit, die daran hindert, dass das Überkommene dem Fluss der Zeit anvertraut wird und sich durch diesen unablässig kreativ erneuern lässt. Wer nicht selber durch die Zeit wandert, an dem wandert die Zeit vorbei. Nie steigst du zweimal in denselben Fluss.

„Kultur“: Ihre Geschichte hat bewiesen, dass sie immer dann erstarrt und dumpfem Leerlauf verfällt, wenn sie sich nur auf die Quellen beruft, die aus ihrem eigenem gewohnten Raum plätschern. Seit Längerem lehrt uns eine sich zunehmend universalistisch orientierende Ethnologie, in welch bedeutendem Maße Kultur, soll sie lebendig bleiben, aus dem Durchgang neuer, zuvor fremder Elemente lebt. Dabei sind die Ethnologen zu wesentlichen und verblüffenden Erkenntnissen gekommen, die im Vortrag entwickelt werden.

Das bewährteste und sicherste Mittel, mit dem zunächst unvertrauten Prozess des großen Völkerwanderns zurecht zu kommen, ist in dem einfachen Mittel gegeben, dass die Festsitzenden, genau wie weiland Philemon und Baucis, Fremde als ihre geschätzten, geehrten Gäste unter ihr Dach bitten und ihren Tisch mir ihnen teilen. Alsbald werden sie erfahren, dass sie den Fremden größeren Dank schulden als diese ihren Gastgebern.

Dies ist weniger ein Abstract als eine Herausforderung des Referats, in welchem dann mit Fakten zu bezeugen versucht wird, dass die neue Völkerwanderung nicht nur eine historische Notwendigkeit sondern auch eine Chance für unsere Gesellschaft bringt.

Prof. Dr. med. Aron Ronald Bodenheimer

Philosophische Überlegungen zum Verhältnis von Ästhetik und Religion

Freitag, den 05. Oktober 2001

PD Dr. Hans-Ulrich Baumgarten

Die ästhetische Einstellung des Menschen zur Welt unterscheidet sich in spezifischer Weise von der bloßen Erkenntnis der Wirklichkeit. Einen Gegenstand als etwas Schönes zu betrachten ist etwas anderes, als ihn nur wahrzunehmen oder verändernd auf ihn einzuwirken. Die ästhetische Einstellung besteht in einer bewussten Zurücknahme der sich schon im sinnlichen Wahrnehmen äußernden Intentionalität des Subjekts auf Erfolg. Sie belässt den Gegenstand in dem, was er seinem Wesen nach ist, und erfreut sich gleichwohl an ihm. In einem ästhetischen Urteil wie „Dies ist schön“ drückt sich eine innere Zustimmung aus, die in der Einsicht liegt: „Wenn ich diesen Gegenstand hervorgebracht hätte, dann hätte ich es genau so getan“.

In Bezug auf das Naturschöne vergleicht Kant diese ästhetische Einstellung mit der religiösen. Im Glauben an eine Wirklichkeit, welche die empirisch wahrnehmbare Welt übersteigt, weiß der Mensch sich verwiesen auf einen Bereich, der seinem erkennenden Zugriff enthoben ist, von dem er sich aber gleichwohl abhängig fühlt. Diese gläubige Einstellung bedarf aber – genauso wie die ästhetische – einer besonderen intentionalen Leistung des Subjekts, die gelingen oder auch scheitern kann.

Ritus und Religion in der Werbung

Samstag, den 06. Oktober 2001

PD Dr. theol. Eckart Gottwald

„Die Geschichte von der Arche – das ist doch die Geschichte mit den Pinguinen: Die haben doch telefonisch reserviert.“ Grundschülerinnen wussten so ganz selbstverständlich die biblische Sintflutgeschichte zu identifizieren, hatte ihnen doch das Werbefernsehen diese Kunde von der Telekom vermittelt. Fragmente religiöser Überlieferungen, Zeitgeist-Ikonen, mythisch formulierte Heilsverheißungen und Wegweiser zum neuen Sein voller Befriedigung, Harmonie und Sinnerfüllung prägen das Spektrum visueller Kommunikation in unserer alltäglichen Lebenswelt. Sie zählen zum wichtigen Instrumentarium jeder Form von Marketing und vermitteln uns Erfahrungen einer vielschichtigen und mehrdeutigen Wirklichkeit. Sie liefern uns selten komplette, viel öfter nur bruchstückhafte Sinndeutungen des Lebens und werden in den ritualisierten Formen des täglichen Medien- und Konsumverhaltens gelernt, gedeutet und genutzt. Die Identitätsarbeit von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sowie ihre Suche nach Lebenszielen und ihr Bemühen um Sinnverstehen sind ihrem Einfluss in hohem Maße ausgesetzt.

Die Herausforderungen für Theologie und religiöse Bildung liegen auf der Hand. Wahrnehmung und Analyse der säkularreligiösen Formen der Alltagskommunikation, religionshermeneutische Erschließung ihrer Inhalte und Funktionen und schließlich die Vermittlung von Fähigkeiten, die öffentlich präsentierte Symbolik und Metaphorik kritisch zu nutzen und produktiv weiterzubilden, rücken ins Zentrum theoretischer Reflexion wie praktischer Bildungsarbeit. Denn individuelle Personwerdung, sowie Teilhabe am Diskurs über grundlegende Orientierungen und an der Gestaltung der Lebenswelt erfordern in der freiheitlich-pluralen Gesellschaft eine fundierte und möglichst vielseitige religiöse, weltanschauliche und ethische Bildung ihrer Bürgerinnen und Bürger. Mit dem Vortrag werden ausgewählte Beispiele visueller Texte zum Thema präsentiert.

Sakraltourismus und Geomantik – Zur Attraktivität von Mystik, Magie und Esoterik

Samstag, den 06. Oktober 2001

Prof. Dr. Hartmut Rosenau

Pilgerreisen zu heiligen Stätten und besondere religiöse Erfahrungen an besonderen Orten sind durchaus Ausdruck gelebter Frömmigkeit. Als organisierter Sakraltourismus sind sie eher esoterischer Ausdruck einer typisch neuzeitlichen „technischen“ Welteinstellung, die sich auch das Numinose im Alltag verfügbar halten will. Insofern verfällt esoterische Religiosität genau dem, was sie kritisiert, nämlich dem modernen Leitbild von „Wissenschaft“. Von einer solchen modernen Esoterik sollte – bei allen Gemeinsamkeiten – Mystik streng unterschieden werden. Ihre Stärke liegt im Unterschied zu Magie und Esoterik darin, mit den Ambivalenzen des alltäglichen Lebens produktiv umgehen zu können, ohne sich selbst unter Erfolgszwang stellen zu müssen. Und gerade darin empfiehlt sich die Mystik als Religion der Zukunft (K. Rahner).

Orte ritueller Kommunikation

Sonntag, den 07. Oktober 2001

Dr. Christiane Pantke

Altäre sind überall auf der Welt Orte ritueller Kommunikation. Sie markieren die Grenze, an der Himmel und Erde, die Lebenden und die Toten, das Alltägliche und die Welt der Geister einander begegnen. Einfach oder kunstvoll ausgeführt, für einen Einzelnen oder die Gemeinde – Altäre sind Stätten der Sammlung und der Andacht für den Gläubigen. Sie bieten einen Raum für Opfergaben und Bitten; sie kanalisieren übernatürliche Kräfte.

Den Objekten auf Altären werden verschiedene Kräfte zugeschrieben. Ein komplexes Regelwerk definiert den Umgang mit ihnen.

Ich werde am Beispiel afro-amerikanischer Altäre eine „traditionelle Altarkultur“ einer „ritualisierten Alltagskultur“, wie sie sich in deutschen Wohn- und Schlafzimmern, Autowaschanlagen, Bierkneipen usw. beobachten lässt, gegenüberstellen. Das rituelle Drama (Victor Turner, 1967), rituelles Handeln mit all seinen Formen der verbalen und nonverbalen Interaktion und Kommunikation sind hier nicht gemeinschaftsstiftend im traditionellen Sinne, sondern scheinen Ausdruck privater unverbindlicher Vorlieben und Neigungen zu sein. „Pseudo- bzw. Kunstaltäre“ werden konstruiert und mit individuellen Ritualen belebt. Die rituellen Kommunikationsformen sollen hierbei diskutiert und analysiert werden.

Die Bedeutung der Bildung in einer sich wandelnden Welt

Freitag, den 27. September 2002, 14:30 Uhr

Abstract von Helmwart Hierdeis

I. Angesichts des irreversiblen Charakters der Zeit und des Umstands, dass alles, was existiert, der Zeit unterliegt, ist Wandel an sich etwas Selbstverständliches und die Rede vom Wandel der Gesellschaft ein Gemeinplatz. Die Veränderungen müssen also schon ein irritierendes Ausmaß angenommen haben, wenn sie sich so sehr als Thema aufdrängen, wie das heute der Fall ist.

II. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts erregen besondere Aufmerksamkeit die unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten von „materieller“ und „immaterieller“ Kultur, also von Naturwissenschaften/ Technik einerseits und Werten/ Institutionen andererseits, dazu Phänomene wie die Tendenz zur Individualisierung, wie fortschreitende Säkularisierung, der Wandel der Geschlechter- und Familienbeziehungen, die wachsende Arbeitslosigkeit, die Zunahme an kultureller Vielfalt, die Überalterung der Gesellschaft, die vertikale Mobilität, die Virtualisierung der Wirklichkeit, …

III. Im Zusammenhang damit werden Verschiebungen im Bereich der Werte diagnostiziert: die Beliebigkeit von Bewertungen habe zugenommen, philosophische oder religiöse Legitimationen seien unbekannt oder würden für unnötig gehalten, die Bindungen an persönliche und institutionelle Autoritäten oder an Werttraditionen sei obsolet geworden. Die Berufung auf zeit- und situationsübergreifende Prinzipien habe einer Orientierung an den Kriterien Funktionalität, Nutzen und subjektive Befriedigung Platz gemacht. Worauf sich die Gesellschaft früher habe verlassen können, nämlich auf die Verankerung ihres Wertesystems in der psychischen Struktur des Einzelnen, funktioniere nicht mehr in erwünschter Weise.

IV. Auch wenn diese Annahmen partiell der zu allen Zeiten und in allen Kulturen beobachtbaren „Generationenklage“ zuzurechnen sind, also der Besorgnis darüber, die Jugend sei nicht bereit und in der Lage, die von den Erwachsenen vertretenen kulturellen Standards zu übernehmen, und sie bedrohe damit den Fortbestand der Gesellschaft, so hebt das die Tatsache eines rapiden gesellschaftlichen Wandels, der auch die Werte berührt, nicht auf, auch nicht das Faktum, dass es der Gesellschaft insgesamt und vielen einzelnen Menschen schwer fällt, auf die Veränderungen angemessen zu reagieren.

V. Damit kommt die Frage ins Spiel, was Bildung in diesem Zusammenhang leisten soll und kann. Die Erwartungen der Aufklärung, über verbindliche Inhalte und institutionalisiertes Lernen ließe sich die soziale Ungleichheit verringern, das kulturelle und produktive Niveau der Menschen insgesamt erhöhen, die Gesellschaft stabilisieren und ihre Entwicklung steuern, waren, wie wir heute wissen, großteils unrealistisch. Die Bemühungen der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts um eine höhere Effizienz der Schule im Hinblick auf die Bewältigung künftiger Lebenssituationen der nachwachsenden Generation waren im Ganzen ebenso wenig erfolgreich, wie sich die Hoffnung erfüllte, das Bildungswesen könne in die Lage versetzt werden, sensibel auf den Wandel der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zu reagieren. In jüngster Zeit sind Zweifel daran laut geworden, ob das Bildungswesen überhaupt noch in der Lage ist, seinen Auftrag zur Vermittlung eines „Bildungsminimums für alle“ zu erfüllen.

VI. Unbestritten bleibt, zumindest in unserer Tradition, dass Bildung zwei komplementäre Seiten hat: Bildung als institutionalisierte Einführung in die Kultur sowie als Vermittlung von Informationen, Techniken, Qualifikationen und psychischen Dispositionen, die zur subjektiven Lebensführung und für den Bestand der Gesellschaft erforderlich sind, und Bildung als „Selbstbildung“, d. h. als persönliche Auseinandersetzung mit „der Welt“, mit dem Ziel einer reflektierten, urteils- und handlungsfähigen, selbst- und sozialverantwortlichen Persönlichkeit.

VII. Öffentliche Kulturvermittlung und Vorbereitung auf die Gesellschaft einerseits und subjektive Weltaneignung andererseits bedingen sich gegenseitig. Wenn die institutionalisierte Bildung die Jugend dazu befähigen soll, ihr Leben im Rahmen des sozialen Wandels für sich und für die Gesellschaft angemessen zu führen, steht sie vorrangig vor folgenden Aufgaben:

  • Einübung in basale Kompetenzen (z. B. zum Verständnis von Texten, mathematischen, natur- und sozialwissenschaftlichen Zusammenhängen);
  • Bemühung um das „Lernen des Lernens“, d. h. um die Vermittlung von Lernstrategien und um Transferleistungen;
  • Wissensvermittlung unter den Aspekten der Systematik, der Vernetzung und der Reflexion über die subjektive und gesellschaftliche Relevanz des Wissens;
  • Übung in der Unterscheidung von Wirklichkeitskonstruktionen;
  • Entwicklung eines historischen Bewusstseins aus der autobiographischen Perspektive der Jugend;
  • Weckung der Bereitschaft zur vorurteilsfreien Begegnung mit den Zeugnissen und Vertretern fremder Kulturen und Befähigung zur interkulturellen Kommunikation;
  • Einübung in die verantwortlichen Teilhabe am öffentlichen Leben durch verantwortliche Teilhabe am schulischen Leben;
  • Ermutigung zur Auseinandersetzung mit den so genannten letzten Fragen und Angebote zur Selbstfindung.

VIII. Bildung ist als „schlecht definierte Aufgabe“ von Seiten der Institutionen niemals eindeutig und umfassend zu bewältigen. Sie unterliegt zudem subjektiver Lernbereitschaft und Lernfähigkeit, die ihrerseits im Rahmen der primären Sozialisation grundgelegt werden: durch den Aufbau von Selbstvertrauen und Neugier auf die Welt auf der Basis zuverlässiger, von positiven Gefühlen getragener Beziehungen.