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Das neue Leben beginnt mit der Völkerwanderung

Abstract von Aron Ronald Bodenheimer

Soll ein Zukunftsentwurf sich nicht in Schauervisionen wie Untergang des Abendlandes, Happy New World oder 1984 totlaufen, so hilft eine gelassene Betrachtung unserer heutigen Realität dabei, die Richtung unserer Zukunft wo nicht entscheidend zu beeinflussen, da doch in den Fokus unseres Ausblickes zu visieren und so, wenn wir schon auf den Weltlauf nicht einwirken können, uns an ihn zu adaptieren, damit er nicht über uns hinweg geht – damit die Zukunft nicht Weltuntergang heißt. Ansonsten hätten wir festzustellen, dass all die in nostradamisch inspirierten Horrorfilmen prophezeiten Bilder von der großen Apokalypse längst zur Wirklichkeit gehören. Der Weltuntergang findet nämlich statt, heute und vor unseren Augen. Allerdings nicht unter dem Bilde der köstlich-kitzligen Komödien, wie der Bildschirm sie täglich offeriert. Sondern viel tragischer, weil aus dem engen Blickfeld ausgeblendet, welches unsere winzige nordwestliche Region des Globus uns vorhält.

Die Öffentlichkeit sieht Apokalypse als Weltenbrand; denkt dabei an eine Kollision von Mars, Erde, Venus und dergleichen telegene Szenen, die projiziert werden, um uns so übersehen zu lassen, dass sonst allerorten gegenwärtig und gleich auf drei riesigen Kontinenten die Katastrophe, längst eigenaktiv geworden, ständig ihren alles vernichtenden Fortgang nimmt. Und wir schauen nicht hin. Warten stattdessen auf die Invasion von UFOs und überlassen uns anderen infantilen Bildern aus Disneys Küche. So brauchen wir nicht wahrzunehmen, das Armut, Verbrechen, Kriege, Seuchen und Süchte die Welt in Erschütterung, die Völker in Bewegung gebracht haben, stürmisch bis zum Überschwappen, und die nicht ertrinken, wandern zu Myriaden über die Weltoberfläche. Bis an unsere Grenzen. Sie stehen davor, und wir igeln uns ein hinter Stacheldraht. Die so abgesicherten Grenzen, meinen wir, können die Grundwelle der gewaltigen Wanderwelle von uns fernhalten. Wir sehen weg und denken und riechen hinweg, fort von dem, was da geschieht und nehmen den Moderduft nicht wahr, der mittlerweile die große weite Welt erfüllt. – Man kann, wissen wir, ohnedies nichts dagegen tun. Weshalb also sollte man hinsehen, weshalb etwas unternehmen, außer sich schützen vor dem Fremden, das da zu uns strebt?

Dabei böte sich ein Mittel an, um, freilich in bescheidenem Masse, diese Entwicklung zu steuern. Freilich nicht dadurch, dass wir uns gegen sie abschirmen, sondern vielmehr ihr entgegen kommen, woraus wir selbst erst noch gegen alle Erwartung einen ansehnlichen Gewinn, eine Förderung unserer Menschlichkeit erfahren. Das Mittel, verblüffend einfach und in der Erfahrung als wirksam erwiesen, heißt: Zulassung, ja Förderung der großen Bewegung, die da allerorten losgetreten wurde. Und die am genauesten unter dem der Geschichte vertrauten Begriff der Völkerwanderung zu fassen ist. Eine Erschütterung, die sich, umfassender als die Begebnisse, die bisher unter diesem Begriff abgehandelt worden sind, freilich unsere friedvolle Insel Euramerika ausgespart hat.

Um bereit und fähig zu werden, dass wir vermeintlich sicher Festsitzenden diese globale Bewegung zu einem bedeutsamen Teil unseres Lebens und Wesens werden lassen, tun wir gut, einige Reflexionen zu dem Thema anzustellen, welches Völkerwanderung heißt. Ich wüsste keine treffendere Bezeichnung für das, was gegenwärtig geschieht. Der Begriff lässt sich, meine ich, auch vor dem Aspekt rechtfertigen, welchen die Geschichtskunde geläufigerweise mit diesem Namen bedenkt.

Zunächst diese Erwägung: Wandern ist eines von den eher wenigen Phänomenen, die im Wesentlichen unverändert seit vorgeschichtlichen Tagen allem Lebendigen, mithin auch dem Menschen, als immanenter Drang, ja als lebenserweiternde Gewohnheit zu eigen gewesen sind. So lange gewandert wird, erneuern die Völker ihre Lebenskraft und genau so lang strafen sie Fukuyamas These vom Ende der Geschichte Lügen. Nicht nur Seefahren, jegliches Wandern ist notwendig – Wandern, nicht das kultur-zerstörerische Reisen, das hochmütig leutselige Betrachten der Fremden mit ihren merkwürdig anderen archaischen, bestenfalls als folkloristisch sehenswert wahrgenommenen Gebräuchen. Wandern auf dem Pfad des Lebens gilt nicht nur als Metapher, sondern es benennt eine Verrichtung, durch die alleine das Aufnehmen, Adaptieren und Verarbeiten von Neuem, noch Unvertrautem, das Ablagern von Ausgelebtem, die stete, lebenserhaltende Erneuerung des Einzelnen wie des Kollektivs garantiert. Elementar menschlicher Forderung entspricht das Naturrecht des Betreuens von Wandernden. Dies wird bezeugt durch die alte Sitte des gastfreundlichen Aufnehmens von Durchziehenden, welches Grundrecht – als ein unveräußerliches Recht nicht dem Wanderer, sondern seinem Beherberger zugestanden – im Sinne eines der tragenden, durch die Zeiten unverrückbar gebliebenen Fundamentes – die zwei zeitüberdauernden abendländischen Lebensordnungen, die hellenische und die jüdisch-christliche, stützt, heute wie je zuvor. Weder haben Philemon und Baucis, noch Abraham und Sarah ihre Gäste, noch hat Jesus die seinen auf Hautfarbe, Glauben, Herkunft, auf den Anlass zum Antreten ihrer Wanderung oder gar auf die Gültigkeit ihrer Papiere, auch nicht auf die Frage hin geprüft, wie sympathisch sie uns seien, ehe sie die Fremden unter ihr Dach baten. Und jedes Mal hat es ihnen Segen gebracht, dass sie all das nicht taten. – Damit auch uns etwas Vergleichbares gelingt tun wir gut daran, dass wir fürs erste solche gedankenlos immer weiter kolportierten, zunehmend ausgehöhlten Begriffsbilder wie „Heimat“, „Tradition“, „Kultur“ und insgesamt das, was uns unreflektiert als Bereich der unveränderlichen Werte gilt, aus dem Arsenal der Schlagwörter hervor holen und sie neu überdenken. Diese Schwerarbeit kann uns niemand abnehmen und sie wird nur gelingen, wenn wir zulassen, dass das uns Fremde sowie und vor allem das Entfremdete in unsere Betrachtungen mit hinein genommen wird.

„Heimat“: Das Bild wie der Name, beide sind gewachsen aus dem Heimweh. Erst später hat Heimat sich zu jenem eigenständigen Topos entwickelt, der wesenhaft Gefahren in sich trägt, weil er unvermeidbar massenmörderische Fanatismen mobilisiert und zudem, stets unter der Parole, die Heimat zu schützen, rabiate Ausbrüche über deren Grenzen hinaus mobilisiert, die am Ende immer in Annexionsgelüste ausgehen. – Heimat als Ort, an dem ein Kollektiv seit Urzeiten festgewachsen ist, gibt es nicht; hat es nie gegeben. Außer dem Pithekanthropus sind alle Völker ausnahmslos durch Wanderung an den Ort gelangt, den sie jetzt eben besetzt halten. Weshalb es auch nicht ein höheres oder minderes Recht auf irgend ein als Heimat deklariertes Territorium geben kann.

„Tradition“ ist einer von vielen Namen für Gewohnheit. Will sagen: für die Trägheit, die daran hindert, dass das Überkommene dem Fluss der Zeit anvertraut wird und sich durch diesen unablässig kreativ erneuern lässt. Wer nicht selber durch die Zeit wandert, an dem wandert die Zeit vorbei. Nie steigst du zweimal in denselben Fluss.

„Kultur“: Ihre Geschichte hat bewiesen, dass sie immer dann erstarrt und dumpfem Leerlauf verfällt, wenn sie sich nur auf die Quellen beruft, die aus ihrem eigenem gewohnten Raum plätschern. Seit Längerem lehrt uns eine sich zunehmend universalistisch orientierende Ethnologie, in welch bedeutendem Maße Kultur, soll sie lebendig bleiben, aus dem Durchgang neuer, zuvor fremder Elemente lebt. Dabei sind die Ethnologen zu wesentlichen und verblüffenden Erkenntnissen gekommen, die im Vortrag entwickelt werden.

Das bewährteste und sicherste Mittel, mit dem zunächst unvertrauten Prozess des großen Völkerwanderns zurecht zu kommen, ist in dem einfachen Mittel gegeben, dass die Festsitzenden, genau wie weiland Philemon und Baucis, Fremde als ihre geschätzten, geehrten Gäste unter ihr Dach bitten und ihren Tisch mir ihnen teilen. Alsbald werden sie erfahren, dass sie den Fremden größeren Dank schulden als diese ihren Gastgebern.

Dies ist weniger ein Abstract als eine Herausforderung des Referats, in welchem dann mit Fakten zu bezeugen versucht wird, dass die neue Völkerwanderung nicht nur eine historische Notwendigkeit sondern auch eine Chance für unsere Gesellschaft bringt.

Prof. Dr. med. Aron Ronald Bodenheimer

Philosophische Überlegungen zum Verhältnis von Ästhetik und Religion

Freitag, den 05. Oktober 2001

PD Dr. Hans-Ulrich Baumgarten

Die ästhetische Einstellung des Menschen zur Welt unterscheidet sich in spezifischer Weise von der bloßen Erkenntnis der Wirklichkeit. Einen Gegenstand als etwas Schönes zu betrachten ist etwas anderes, als ihn nur wahrzunehmen oder verändernd auf ihn einzuwirken. Die ästhetische Einstellung besteht in einer bewussten Zurücknahme der sich schon im sinnlichen Wahrnehmen äußernden Intentionalität des Subjekts auf Erfolg. Sie belässt den Gegenstand in dem, was er seinem Wesen nach ist, und erfreut sich gleichwohl an ihm. In einem ästhetischen Urteil wie „Dies ist schön“ drückt sich eine innere Zustimmung aus, die in der Einsicht liegt: „Wenn ich diesen Gegenstand hervorgebracht hätte, dann hätte ich es genau so getan“.

In Bezug auf das Naturschöne vergleicht Kant diese ästhetische Einstellung mit der religiösen. Im Glauben an eine Wirklichkeit, welche die empirisch wahrnehmbare Welt übersteigt, weiß der Mensch sich verwiesen auf einen Bereich, der seinem erkennenden Zugriff enthoben ist, von dem er sich aber gleichwohl abhängig fühlt. Diese gläubige Einstellung bedarf aber – genauso wie die ästhetische – einer besonderen intentionalen Leistung des Subjekts, die gelingen oder auch scheitern kann.

Ritus und Religion in der Werbung

Samstag, den 06. Oktober 2001

PD Dr. theol. Eckart Gottwald

„Die Geschichte von der Arche – das ist doch die Geschichte mit den Pinguinen: Die haben doch telefonisch reserviert.“ Grundschülerinnen wussten so ganz selbstverständlich die biblische Sintflutgeschichte zu identifizieren, hatte ihnen doch das Werbefernsehen diese Kunde von der Telekom vermittelt. Fragmente religiöser Überlieferungen, Zeitgeist-Ikonen, mythisch formulierte Heilsverheißungen und Wegweiser zum neuen Sein voller Befriedigung, Harmonie und Sinnerfüllung prägen das Spektrum visueller Kommunikation in unserer alltäglichen Lebenswelt. Sie zählen zum wichtigen Instrumentarium jeder Form von Marketing und vermitteln uns Erfahrungen einer vielschichtigen und mehrdeutigen Wirklichkeit. Sie liefern uns selten komplette, viel öfter nur bruchstückhafte Sinndeutungen des Lebens und werden in den ritualisierten Formen des täglichen Medien- und Konsumverhaltens gelernt, gedeutet und genutzt. Die Identitätsarbeit von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sowie ihre Suche nach Lebenszielen und ihr Bemühen um Sinnverstehen sind ihrem Einfluss in hohem Maße ausgesetzt.

Die Herausforderungen für Theologie und religiöse Bildung liegen auf der Hand. Wahrnehmung und Analyse der säkularreligiösen Formen der Alltagskommunikation, religionshermeneutische Erschließung ihrer Inhalte und Funktionen und schließlich die Vermittlung von Fähigkeiten, die öffentlich präsentierte Symbolik und Metaphorik kritisch zu nutzen und produktiv weiterzubilden, rücken ins Zentrum theoretischer Reflexion wie praktischer Bildungsarbeit. Denn individuelle Personwerdung, sowie Teilhabe am Diskurs über grundlegende Orientierungen und an der Gestaltung der Lebenswelt erfordern in der freiheitlich-pluralen Gesellschaft eine fundierte und möglichst vielseitige religiöse, weltanschauliche und ethische Bildung ihrer Bürgerinnen und Bürger. Mit dem Vortrag werden ausgewählte Beispiele visueller Texte zum Thema präsentiert.

Sakraltourismus und Geomantik – Zur Attraktivität von Mystik, Magie und Esoterik

Samstag, den 06. Oktober 2001

Prof. Dr. Hartmut Rosenau

Pilgerreisen zu heiligen Stätten und besondere religiöse Erfahrungen an besonderen Orten sind durchaus Ausdruck gelebter Frömmigkeit. Als organisierter Sakraltourismus sind sie eher esoterischer Ausdruck einer typisch neuzeitlichen „technischen“ Welteinstellung, die sich auch das Numinose im Alltag verfügbar halten will. Insofern verfällt esoterische Religiosität genau dem, was sie kritisiert, nämlich dem modernen Leitbild von „Wissenschaft“. Von einer solchen modernen Esoterik sollte – bei allen Gemeinsamkeiten – Mystik streng unterschieden werden. Ihre Stärke liegt im Unterschied zu Magie und Esoterik darin, mit den Ambivalenzen des alltäglichen Lebens produktiv umgehen zu können, ohne sich selbst unter Erfolgszwang stellen zu müssen. Und gerade darin empfiehlt sich die Mystik als Religion der Zukunft (K. Rahner).

Orte ritueller Kommunikation

Sonntag, den 07. Oktober 2001

Dr. Christiane Pantke

Altäre sind überall auf der Welt Orte ritueller Kommunikation. Sie markieren die Grenze, an der Himmel und Erde, die Lebenden und die Toten, das Alltägliche und die Welt der Geister einander begegnen. Einfach oder kunstvoll ausgeführt, für einen Einzelnen oder die Gemeinde – Altäre sind Stätten der Sammlung und der Andacht für den Gläubigen. Sie bieten einen Raum für Opfergaben und Bitten; sie kanalisieren übernatürliche Kräfte.

Den Objekten auf Altären werden verschiedene Kräfte zugeschrieben. Ein komplexes Regelwerk definiert den Umgang mit ihnen.

Ich werde am Beispiel afro-amerikanischer Altäre eine „traditionelle Altarkultur“ einer „ritualisierten Alltagskultur“, wie sie sich in deutschen Wohn- und Schlafzimmern, Autowaschanlagen, Bierkneipen usw. beobachten lässt, gegenüberstellen. Das rituelle Drama (Victor Turner, 1967), rituelles Handeln mit all seinen Formen der verbalen und nonverbalen Interaktion und Kommunikation sind hier nicht gemeinschaftsstiftend im traditionellen Sinne, sondern scheinen Ausdruck privater unverbindlicher Vorlieben und Neigungen zu sein. „Pseudo- bzw. Kunstaltäre“ werden konstruiert und mit individuellen Ritualen belebt. Die rituellen Kommunikationsformen sollen hierbei diskutiert und analysiert werden.

Die Bedeutung der Bildung in einer sich wandelnden Welt

Freitag, den 27. September 2002, 14:30 Uhr

Abstract von Helmwart Hierdeis

I. Angesichts des irreversiblen Charakters der Zeit und des Umstands, dass alles, was existiert, der Zeit unterliegt, ist Wandel an sich etwas Selbstverständliches und die Rede vom Wandel der Gesellschaft ein Gemeinplatz. Die Veränderungen müssen also schon ein irritierendes Ausmaß angenommen haben, wenn sie sich so sehr als Thema aufdrängen, wie das heute der Fall ist.

II. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts erregen besondere Aufmerksamkeit die unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten von „materieller“ und „immaterieller“ Kultur, also von Naturwissenschaften/ Technik einerseits und Werten/ Institutionen andererseits, dazu Phänomene wie die Tendenz zur Individualisierung, wie fortschreitende Säkularisierung, der Wandel der Geschlechter- und Familienbeziehungen, die wachsende Arbeitslosigkeit, die Zunahme an kultureller Vielfalt, die Überalterung der Gesellschaft, die vertikale Mobilität, die Virtualisierung der Wirklichkeit, …

III. Im Zusammenhang damit werden Verschiebungen im Bereich der Werte diagnostiziert: die Beliebigkeit von Bewertungen habe zugenommen, philosophische oder religiöse Legitimationen seien unbekannt oder würden für unnötig gehalten, die Bindungen an persönliche und institutionelle Autoritäten oder an Werttraditionen sei obsolet geworden. Die Berufung auf zeit- und situationsübergreifende Prinzipien habe einer Orientierung an den Kriterien Funktionalität, Nutzen und subjektive Befriedigung Platz gemacht. Worauf sich die Gesellschaft früher habe verlassen können, nämlich auf die Verankerung ihres Wertesystems in der psychischen Struktur des Einzelnen, funktioniere nicht mehr in erwünschter Weise.

IV. Auch wenn diese Annahmen partiell der zu allen Zeiten und in allen Kulturen beobachtbaren „Generationenklage“ zuzurechnen sind, also der Besorgnis darüber, die Jugend sei nicht bereit und in der Lage, die von den Erwachsenen vertretenen kulturellen Standards zu übernehmen, und sie bedrohe damit den Fortbestand der Gesellschaft, so hebt das die Tatsache eines rapiden gesellschaftlichen Wandels, der auch die Werte berührt, nicht auf, auch nicht das Faktum, dass es der Gesellschaft insgesamt und vielen einzelnen Menschen schwer fällt, auf die Veränderungen angemessen zu reagieren.

V. Damit kommt die Frage ins Spiel, was Bildung in diesem Zusammenhang leisten soll und kann. Die Erwartungen der Aufklärung, über verbindliche Inhalte und institutionalisiertes Lernen ließe sich die soziale Ungleichheit verringern, das kulturelle und produktive Niveau der Menschen insgesamt erhöhen, die Gesellschaft stabilisieren und ihre Entwicklung steuern, waren, wie wir heute wissen, großteils unrealistisch. Die Bemühungen der 60er und 70er Jahre des 20. Jahrhunderts um eine höhere Effizienz der Schule im Hinblick auf die Bewältigung künftiger Lebenssituationen der nachwachsenden Generation waren im Ganzen ebenso wenig erfolgreich, wie sich die Hoffnung erfüllte, das Bildungswesen könne in die Lage versetzt werden, sensibel auf den Wandel der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zu reagieren. In jüngster Zeit sind Zweifel daran laut geworden, ob das Bildungswesen überhaupt noch in der Lage ist, seinen Auftrag zur Vermittlung eines „Bildungsminimums für alle“ zu erfüllen.

VI. Unbestritten bleibt, zumindest in unserer Tradition, dass Bildung zwei komplementäre Seiten hat: Bildung als institutionalisierte Einführung in die Kultur sowie als Vermittlung von Informationen, Techniken, Qualifikationen und psychischen Dispositionen, die zur subjektiven Lebensführung und für den Bestand der Gesellschaft erforderlich sind, und Bildung als „Selbstbildung“, d. h. als persönliche Auseinandersetzung mit „der Welt“, mit dem Ziel einer reflektierten, urteils- und handlungsfähigen, selbst- und sozialverantwortlichen Persönlichkeit.

VII. Öffentliche Kulturvermittlung und Vorbereitung auf die Gesellschaft einerseits und subjektive Weltaneignung andererseits bedingen sich gegenseitig. Wenn die institutionalisierte Bildung die Jugend dazu befähigen soll, ihr Leben im Rahmen des sozialen Wandels für sich und für die Gesellschaft angemessen zu führen, steht sie vorrangig vor folgenden Aufgaben:

  • Einübung in basale Kompetenzen (z. B. zum Verständnis von Texten, mathematischen, natur- und sozialwissenschaftlichen Zusammenhängen);
  • Bemühung um das „Lernen des Lernens“, d. h. um die Vermittlung von Lernstrategien und um Transferleistungen;
  • Wissensvermittlung unter den Aspekten der Systematik, der Vernetzung und der Reflexion über die subjektive und gesellschaftliche Relevanz des Wissens;
  • Übung in der Unterscheidung von Wirklichkeitskonstruktionen;
  • Entwicklung eines historischen Bewusstseins aus der autobiographischen Perspektive der Jugend;
  • Weckung der Bereitschaft zur vorurteilsfreien Begegnung mit den Zeugnissen und Vertretern fremder Kulturen und Befähigung zur interkulturellen Kommunikation;
  • Einübung in die verantwortlichen Teilhabe am öffentlichen Leben durch verantwortliche Teilhabe am schulischen Leben;
  • Ermutigung zur Auseinandersetzung mit den so genannten letzten Fragen und Angebote zur Selbstfindung.

VIII. Bildung ist als „schlecht definierte Aufgabe“ von Seiten der Institutionen niemals eindeutig und umfassend zu bewältigen. Sie unterliegt zudem subjektiver Lernbereitschaft und Lernfähigkeit, die ihrerseits im Rahmen der primären Sozialisation grundgelegt werden: durch den Aufbau von Selbstvertrauen und Neugier auf die Welt auf der Basis zuverlässiger, von positiven Gefühlen getragener Beziehungen.

Wege aus der Erziehungskatastrophe? Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz

Samstag, den 28. September 2002, 11:00 Uhr

Abstract von Sigrid Tschöpe-Scheffler

Je weniger normative Richtlinien es für Erziehungsziele und -inhalte in unserer Gesellschaft gibt und je mehr tradierte Werte relativiert werden oder an Gültigkeit verlieren, desto stärker ist der einzelne auf sich und seine Kompetenzen, aber auch auf seine Defizite verwiesen. Folglich macht sich eine zunehmende Unsicherheit bei Eltern aller Milieus breit, die bewirkt, dass einige entweder unentschlossen oder rigide handeln, andere sich dem Erziehungsauftrag völlig verweigern.

Trotz der allgemein beklagten Unfähigkeit und Überforderung vieler Eltern in Erziehungsfragen ist davon auszugehen, dass die meisten Eltern ihre Kinder lieben und das Beste für deren Wohlergehen wünschen. Viele Eltern erkennen durchaus eigene Erziehungsschwächen und sind auf der Suche nach Hilfen und Unterstützungen, die sie nicht zuletzt auch in den unzähligen Erziehungsratgebern suchen, durch Beratung oder durch den Besuch eines Elternkurses erhoffen.

Je höher der Druck der Eltern, je größer die Problemsituation, desto eher ist die Tendenz bei Eltern erkennbar, nach schnellen linearen Lösungen zu suchen, die einem Ursache-Wirkungszusammenhang entsprechen. Menschlichen Begegnungen ist aber immer auch das Unverfügbare, Unmethodisierbare, nicht Planbare immanent. Phänomene also, wie z. B. die Liebe zum Kind, die nicht mechanistisch handhabbar und didaktisch sauber organisierbar sind.

Im ersten Teil des Vortrags soll gefragt werden, was entwicklungsfördernde und entwicklungshemmende Faktoren in der Erziehung sein könnten und wie diese mit der Haltung und Rollenübernahme der Eltern und ihrer Selbstreflexion und Selbsterziehung zusammenhängen?

Im zweiten Teil werden Konzepte aus der Arbeit mit Eltern vorgestellt.

Unterstützungsangebote können insbesondere dann als erfolgreich angesehen werden, wenn sie es vermögen, Eltern zu ermutigen in einen selbstreflexiven Prozess zu treten, sich mit anderen Eltern über ihre eigenen Alltags- und Erziehungskonzepte auszutauschen und durch ein Angebot an erweiterten Handlungsspielräumen offen zu werden für neue, entwicklungsfördernde Einstellungen und Verhaltensweisen.

Ein wesentliches Qualitätskriterium scheint u.a. zu sein, ob das Konzept angstfreie Räume und Möglichkeiten zur Selbstreflexion und Selbsterkenntnis bietet. Als ein Beispiel für eine gelungene Prävention soll u.a. das Elternkursprojekt des Deutschen Kinderschutzbundes „Starke Eltern – starke Kinder“ vorgestellt werden. Mit einem Forschungsdesign, das entwicklungsfördernde und entwicklungshemmende Verhaltensweisen und Einstellungen von 200 Eltern vor und nach Besuch des Kurses untersucht hat, wurde unter meiner Leitung an der Fachhochschule Köln die Wirkung des Elternkurses „Starke Eltern – starke Kinder“ in einem einjährigen Forschungsprojekt evaluiert. Im Rahmen des Vortrages wird auf das Kurskonzept, das Forschungsdesign und die Ergebnisse der Evaluation eingegangen.

Neurogene und psychogene Lernstörungen

Samstag, den 28. September 2002

Dr. med. Reinhard Schydlo

Neurogene, hirnorganisch bedingte, und psychogene, seelisch bedingte Lernstörungen bei Kindern werden häufig zu spät erkannt. Viele Lehrer klagen darüber, dass sie bis heute noch zu wenig über diese Lernstörungen im Rahmen ihrer pädagogischen Ausbildung erfahren. Oft werden diese Störungen als Faulheit mißgedeutet, bis sekundär psychische oder psychosomatische Reaktionen der Kinder so zunehmen, dass Lehrer oder Eltern eine Vorstellung beim Facharzt verlangen.

Neurogene Lernstörungen können nicht nur im Rahmen einer allgemeinen intellektuellen Beeinträchtigung und damit einer schulischen Überforderung auftreten, sondern auch bei Teilleistungsschwächen, die mit durchschnittlicher oder manchmal sogar überdurchschnittlicher Intelligenz einhergehen, wie z.B. Lese- und Rechtschreibstörungen oder eine isolierte Rechenstörung. Auch auf

Aufmerksamkeitsstörungen mit und ohne Hyperaktivität soll besonders eingegangen werden.

Psychogene Lernstörungen können durch zu starken psychischen Druck entstehen, oder seelische Konflikte können eine sog. neurotische Lernhemmung verursachen. Schließlich sollen die unterschiedlichen Ursachen von Schulverweigerung bei Schulangst, Schulphobie und bei Schulschwänzen erläutert werden.

Neben eindrucksvollen Fallbeispielen werden die diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen bei neurogenen und psychogenen Lernstörungen dargestellt. Weiter soll über Verbesserung der Früherkennung und weitere schulische und außerschulische Hilfen für diese Kinder diskutiert werden.

Wirtschaftliche Allgemeinbildung in den Schulen

Samstag, den 28. September 2002

Zur Situation der wirtschaftlichen Allgemeinbildung in den Schulen:

  • Ein nach einheitlichen Gesichtspunkten konzipiertes Fach bzw. Fächersystem oder Lernfeld „Wirtschaft“ gibt es in Deutschland nicht.
  • Die Lehrplanangebote variieren in den Bundesländern nach fachlicher Zuordnung, Bezeichnung und Inhalt sowie Schulform, Schulstufe und Verpflichtungsgrad.
  • Verallgemeinerbare empirische Erkenntnisse über die Unterrichtspraxis liegen nicht vor. Bekannt ist, dass teilweise fachfremd unterrichtet wird.
  • In der Wirtschaftslehrerausbildung spielen drei Bezugswissenschaften mit jeweils spezifischem Paradigma eine Rolle: Betriebs-, Haus- und Volkswirtschaftslehre.

Warum wirtschaftliche Allgemeinbildung in den Schulen?

  • Wirtschaft ist ein zentraler Bereich in modernen Gesellschaften.
  • Auch die Lebensbereiche, die nicht generell zur Wirtschaft gezählt werden, haben zumindest eine wirtschaftliche Dimension, z.B. Familie, Kultur, Politik.
  • Im Übergang von der Moderne zur Postmoderne nehmen die Anforderungen an wirtschaftliche Kompetenzen zu.
  • Bei Erwachsenen und jungen Menschen sind erhebliche Defizite im Wirtschaftswissen nachgewiesen worden.
  • Mangel an wirtschaftlichen Kompetenzen sind ein Grund für Überschuldungs- und Verarmungsprozesse.
  • Maßgebliche gesellschaftliche Kräfte fordern mehr wirtschaftliche Bildung in den Schulen.
  • Ein Grundkonzept der wirtschaftlichen Allgemeinbildung in den Schulen:
  • Wirtschaftliche Allgemeinbildung wird im Sinne des aufbauenden Lernens von der ersten bis zur letzten Klasse in jeder Schulform angeboten.
  • Vermittelt wird Instrumentalwissen auf der Grundlage von Orientierungswissen.
  • Dazu gehört auch die Vermittlung der Schnittstellungen und Vernetzungen mit anderen gesellschaftlichen und nicht gesellschaftlichen Teilsystemen, z.B. Technik und Natur.
  • Didaktische Leitideen sind: Lebensnähe, Handlungsorientierung und Selbstorganisation.
  • Inhaltliche Leitideen sind: Entdichotomisierung, Entbanalisierung, Entmystifizierung und Entberuflichung.
  • Behandelt werden die Evolution und die Funktionen der ökonomischen Basisinstitutionen: Privathaushalte, Unternehmen, Assoziationen und Gebietskörperschaften sowie solche von Misch- und Übergangsformen.
  • Betrachtet werden alle Gruppen von Gütern: personale, private, kollektive und öffentliche Güter.
  • Einbezogen werden verschiedene Arten von Entscheidungssystemen für die Güterversorgung, wie Liebe und Solidarität, Markttausch, politische Wahl, Verhandlung, Drohung.

Das Motto lautet: „Wir gestalten die Wirtschaft“.

Prof. Dr. Michael-Burkhard Piorkowsky

Forderungen an eine Schule von morgen. Die Stimme der Praxis

Samstag, den 28. September 2002, 16:15 Uhr

Abstract von Ernst von Borries

In meinem Vortrag werde ich in bewusst pointierter Weise Gründe für das Versagen des bundesdeutschen Schulsystems aus der Sicht des Praktikers vorstellen und daraus Forderungen an eine Reform ableiten.

Ursachen der Misere:

  • Das deutsche Gymnasium – ein 200 Jahre altes Kind Kind des deutschen Idealismus – ist geprägt von fast vollständiger Ignoranz gegenüber den Erfordernissen des Lebens, vor allem des Arbeitsmarktes.
  • Der Ausfall der Familie als kulturelle Keimzelle bzw. ihre Ersetzung durch die moderne Medienwelt führt zu extremer Sprachverarmung der Kinder.
  • Die Schule ist in erster Linie in der Buchkultur verankert, einer Kultur, die mit der Lebenswelt unserer Kinder kaum mehr etwas zu tun hat.
  • Die mangelnde Wertschätzung der Schule in der Gesellschaft – deutlich erkennbar an Unterfinanzierung, personeller Unterbesetzung und sozialer Verachtung – fällt auf die Qualität der schulischen Arbeit zurück.

Forderungen an eine Schule von morgen:

  • Vermittlung anwendbarer Lerninhalte, die auch mit der Lebenswelt der Schüler korrespondieren.
  • Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten anstatt der kritischen Bewusstseinsbildung als primäres Bildungsziel.
  • Konsequente Heranführung zu Lektüre jeder Art ab der Grundschule, nötigenfalls auch mit massivem Druck.
  • Einführung von Schulgeldern für alle weiterführenden Schulen – mit der Option der Schulgeldbefreiung durch Leistung.
  • Einführung des Bildungsgutscheins – auch zur Qualitätssicherung durch freie Schulwahl
  • Stärkung des Selbstbewusstseins und der Autorität von Lehrern durch Qualitätsbewusstsein.
  • Aufbau berufspraktischer Spezialkurse (an den allgemeinbildenden weiterführenden Schulen), in denen Teile des Unterrichtsstoffs Anwendung finden, mit eigenem Zertifikatswesen.