74. Jahrestagung – Freundschaft

74. Jahrestagung

29. September – 1. Oktober 2017
Bernau bei Berlin

Untenstehend finden Sie das Programm und die Referenten*innen der diesjährigen Tagung.

Die allgemeinen Information zum Tagungsort und den Kosten finden Sie hier.

Der Mensch ist ein gemeinschaftsorientiertes Wesen („zoon politikon“). Er braucht die emotionale Nähe zu anderen Menschen. Freundschaft als zentrales menschliches Bedürfnis schafft diese Nähe. So benennt der griechische Philosoph Aristoteles Freundschaften als wichtigen Bestandteil eines glücklichen und moralischen Lebens. Auf ihn geht die Unterscheidung in Lust-, Nutzen- und Tugendfreundschaft zurück. Freundschaften werden besungen, „ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“ (Comedian Harmonists, 1930) und in der Literatur gepriesen. Freundschaften und Freundschaftsnetzwerke vermitteln Schutz und sind soziales Kapital (Bordieu). Sie sind der Anker in einer immer differenzierter werdenden Welt (Tenbruck).
Freundschaft kann im Sandkasten beginnen und ein Leben lang halten. Sie wird freiwillig eingegangen, kann aber auch jederzeit aufgekündigt werden. Ihr Geheimnis besteht darin, dass unter Freunden respektvolle Distanz in der Nähe gewahrt wird. Der Freund ist derjenige, der seine Welt zu verschenken hat und mit dem zusammen man sich eine eigene Welt erschaffen kann. Freundschaft kann jedoch auch ausgrenzen: „In der blitzhaften Übereinstimmung, in der fast reflexhaften Gemeinsamkeit von Sympathien und vor allem der gemeinsamen Aversionen gegen etwas oder jemanden feiert die Freundschaft ihre größten Triumphe“ (Bovenschen 2000).
Freundschaften sind grundsätzlich sehr persönlich und enthalten implizite Regeln: keine Macht voreinander demonstrieren, keine Verträge untereinander schließen, dem Freund gegenüber freizügig sein, ohne eine Gegengabe zu erwarten. Sozialstrukturelle Differenzierungen können bis in die Wahl der Freunde hineineinwirken. „Die Lebenssituation als materielle Grundlage…steckt den Spielraum des (Freundschafts-) Handelns ab.“ (Alleweldt 2017)
Wenn von Freunden gesprochen wird, kann auch ein inflationärer Gebrauch des Begriffs beobachtet werden. Soziologische Analysen zeigen, dass Menschen in Deutschland im Laufe ihres Lebens drei beste Freunde haben. Auf Facebook sind dagegen mehr als 500 „Freunde“ keine Seltenheit. Die Freundschaft zwischen Staaten ist ebenfalls eine zweifelhafte Angelegenheit. So unterschiedliche Politiker wie Machiavelli, Fürst Metternich und George Washington haben davor gewarnt, in der Außenpolitik Gefühle walten zu lassen und auf die Freundschaft von anderen Staaten zu zählen.
Insgesamt ist im öffentlichen und privaten Leben eine Renaissance der Verwendung der Begriffe „Freund/ Freundschaft“ zu beobachten. Deutet dies bereits auf eine stärkere gesellschaftliche Vernetzung und Solidarität in und zwischen Altersgruppen und sogar Staaten hin? Wie leicht oder schwer werden Freundschaften geschlossen? Ist Freundschaft die Antwort auf viele Fragen der heutigen Welt? Soziologen, Philosophen, Natur- und Kulturwissenschaftler versuchen auf der Tagung der ISG in der Diskussion mit den Gästen auf diese Fragen Antworten zu geben.

Dieter Korczak
Vorsitzender ISG

Freitag, 29. September  2017

Im Anschluss an jeden Vortrag findet eine Diskussionsrunde statt.

14:00 Uhr | Tagungseröffnung

14:30 Uhr | „Jede Freundschaft beruht auf  Gemeinschaft“ (Aristoteles) – Antike
Freundschaftsvorstellungen und ihre Bedeutung
Hans-Ulrich Baumgarten, Universität Düsseldorf

15:45 Uhr | Kaffeepause

16:00 Uhr | Wert der Freundschaft in einer komplexen, globalisierten Welt
Dieter Korczak, Bernau bei Berlin

17:30 Uhr | Ende der Sitzung (anschl. Mitgliederversammlung)

Samstag, 30. September  2017

9:30 Uhr | Ein naturwissenschaftlicher Blick auf Freundschaft: Kooperation in der Biologie
Tabea Krieger, Deutsches Krebszentrum, Heidelberg

10:45 Uhr | Kaffeepause

11:00 Uhr | Die Kunst, sich Freunde zu machen
Ghania Ibelaidene, Sinnklang, Berlin

12:15 Uhr | Mittagspause

14:15 Uhr | Geschäftsfreunde – Facebook-Freunde
Johannes Schneider, Student,
Universität Hohenheim

15:15 Uhr | Kaffeepause

15:30 Uhr | Brieffreundschaften
Klaus-Dieter Schult, Philatelisten-Verband Berlin-Brandenburg e. V.

16:45 Uhr | Unterscheiden sich Männer- und Frauen-Freundschaften?
Erika Alleweldt, Humboldt-Universität, Berlin

18:00 Uhr | Ende der Sitzung  (anschl. ab 19 Uhr Gesellschaftsabend)

Sonntag, 1. Oktober  2017

10:00 Uhr | Der Mythos bzw. die Symbolik der Freundschaft in der Musik
Prof. Dr. Thomas Krettenauer, Universität Paderborn

11:30 Uhr | Gibt es Freundschaft zwischen Staaten?
Paul Werner Wagner, Berlin

13:00 Uhr | Ende der Tagung

Referentinnen und Referenten

Erika Alleweldt, promoviert in Sozialwissenschaften mit dem Thema „Die differenzierten Welten der Frauenfreundschaften“ (2011). Derzeit Postdoc Projekt am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität Berlin zum Thema: Sinnkonstruktionen moderner Lebensführung.

Hans-Ulrich Baumgarten, Apl. Professor für Philosophie an der Universität Düsseldorf, Studium der Germanistik, Kath. Theologie und Philosophie, Promotion und Habilitation in Freiburg/Br., wissenschaftlicher Referent für Schule und Weiterbildung sowie Kultur bei der CDU-Landtagsfraktion NRW.

Ghania Ibelaidene, Expertin für Veränderungsmanagement, Mediatorin und Coach für zwischenmenschliche Beziehungen, berät seit über 15 Jahren Unternehmen, Teams und Individuen zu Fragen der Veränderung, Kommunikation und Beziehungen in guten wie in schlechten Zeiten.

Dieter Korczak, Vorsitzender der ISG, ist promovierter Soziologe und Diplom-Volkswirt. Seine Publikationen decken ein breites Spektrum ab: Armut, Geld, Gesundheit, Familie, Medien, Migration, Lebensqualität, Smart World, Überschuldung von Verbrauchern sind seine Themen. Er lebt in Bernau bei Berlin.

Prof. Dr. Thomas Krettenauer, studierte ab 1978 am Leopold-Mozart-Konservatorium in Augsburg Konzertgitarre, Kontrabass und Klavier, ist gegenwärtig Geschäftsführender Leiter des Lehrstuhl für Musik und ihre Didaktik, Universität Paderborn, Fakultät für Kulturwissenschaften/Fach Musik. Seit 2005 leitet er den neu geschaffenen Bachelor/Masterstudiengang „Populäre Musik und Medien“.

Tabea Krieger, studierte Biologie und Biophysik in Mainz und Heidelberg und promovierte mit einer interdisziplinären Arbeit am Deutschen Krebsforschungszentrum und an der Ruprecht Karls Universität Heidelberg im Bereich Biophysik. Sie arbeitet mittlerweile im Bereich der klinischen Forschung.

Johannes Schneider, nach dem Abitur Ausbildung zum Bankkaufmann. Seit 2015 Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hohenheim. Vorstandsvorsitzender des mit 600 Mitglieder größten akademischen Banken-und Börsenvereins Deutschlands, das „Kreditwirtschaftliche Colloquium Hohenheim e.V.“.

Klaus-Dieter Schult, bis 1993 als promovierter Literaturwissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin, danach in verschiedenen Berufen tätig, zuletzt als Gymnasiallehrer. Vorsitzender des Philatelisten-Verbandes Berlin-Brandenburg e. V.

Paul Werner Wagner, Literaturwissenschaftler, Kulturmanager und Schachfunktionär. Vorsitzender der Emanuel Lasker Gesellschaft und der Friedrich-Wolf-Gesellschaft. Autor und Herausgeber mehrerer Bücher.